Die Pius-Bruderschaft mit ihren 4 abtrünnigen Bischöfen wurde zu Beginn des Jahres 2009 vom amtierenden Papst Benedikt XVI (Joseph Alois Ratzinger, geb.1927) rehabilitiert und damit wieder in die Katholischen Kirche aufgenommen. Im Jahre 1988 hatte Papst Johannes Paul II (Karol Józef Wojtyła, 1920-2005) die Bruderschaft wegen unüberbrückbarer Differenzen mit der Amtskirche exkommuniziert, also aus der Kirche ausgeschlossen. Aktueller Anlass war damals die aus Sicht der Kirche illegitime Bischofsweihe durch den Gründer der Pius-Bruderschaft Erzbischof Marcel Lefebvre (1905-1991). Die nun erfolgte Wiederaufnahme der Pius-Bruderschaft in die Katholische Kirche erregt internationales Aufsehen und löst weltweit Befremden aus, da einer der rehabilitierten Pius-Bischöfe, der Brite Richard Williamson (geb. 1940) wiederholt und zuletzt noch vor nur wenigen Tagen die nationalsozialistischen Verbrechen an den Juden verharmloste und den Antisemitismus für wahr erklärte.
Wer sind nun aber die Pius-Brüder und worum geht im Streit mit der Katholischen Kirche?
Die Priesterbruderschaft St. Pius X (lateinisch: Fraternitas Sacerdotalis Sancti Pii X. (decimi), abgekürzt FSSPX) wurde 1970 durch den Erzbischof Marcel Lefebvre (1905-1991) gegründet. Lefebvre, zunächst Missionar in Afrika, war später als Erzbischof von Dakar (Senegal) im Namen des Papstes zuständig für das gesamte französich sprechende Afrika. Im Jahr 1960 berief ihn Papst Johannes XXIII (Angelo Giuseppe Roncalli, 1881-1963) in die Vorbereitungskommission für das von ihm einberufene Zweite Vatikanische Konzil. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) brachte eine tiefgreifende Reform der Katholischen Kirche. Erstmals wurde die Religionsfreiheit anerkannt und eine Öffnung gegenüber dem Judentum und anderen Weltreligionen eingeleitet, die fortan als gleichberechtigt gelten. In der Nostra Aetate (lat.: In unserer Zeit), dem wichtigsten Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils heisst es über das Verhältnis zu den anderen Religionen:
Einführung
1. In unserer Zeit, da sich das Menschengeschlecht von Tag zu Tag enger zusammenschließt und die Beziehungen unter den verschiedenen Völkern sich mehren, erwägt die Kirche mit um so größerer Aufmerksamkeit, in welchem Verhältnis sie zu den nichtchristlichen Religionen steht. Gemäß ihrer Aufgabe, Einheit und Liebe unter den Menschen und damit auch unter den Völkern zu fördern, faßt sie vor allem das ins Auge, was den Menschen gemeinsam ist und sie zur Gemeinschaft untereinander führt.
Alle Völker sind ja eine einzige Gemeinschaft, sie haben denselben Ursprung, da Gott das ganze Menschengeschlecht auf dem gesamten Erdkreis wohnen ließ (1); auch haben sie Gott als ein und dasselbe letzte Ziel. Seine Vorsehung, die Bezeugung seiner Güte und seine Heilsratschlüsse erstrecken sich auf alle Menschen (2), bis die Erwählten vereint sein werden in der Heiligen Stadt, deren Licht die Herrlichkeit Gottes sein wird; werden doch alle Völker in seinem Lichte wandeln (3).
Die Menschen erwarten von den verschiedenen Religionen Antwort auf die ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins, die heute wie von je die Herzen der Menschen im tiefsten bewegen: Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Was ist das Gute, was die Sünde? Woher kommt das Leid, und welchen Sinn hat es? Was ist der Weg zum wahren Glück? Was ist der Tod, das Gericht und die Vergeltung nach dem Tode? Und schließlich: Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?
Die verschiedenen Religionen
2. Von den ältesten Zeiten bis zu unseren Tagen findet sich bei den verschiedenen Völkern eine gewisse Wahrnehmung jener verborgenen Macht, die dem Lauf der Welt und den Ereignissen des menschlichen Lebens gegenwärtig ist, und nicht selten findet sich auch die Anerkenntnis einer höchsten Gottheit oder sogar eines Vaters. Diese Wahrnehmung und Anerkenntnis durchtränkt ihr Leben mit einem tiefen religiösen Sinn.
Im Zusammenhang mit dem Fortschreiten der Kultur suchen die Religionen mit genaueren Begriffen und in einer mehr durchgebildeten Sprache Antwort auf die gleichen Fragen. So erforschen im Hinduismus die Menschen das göttliche Geheimnis und bringen es in einem unerschöpflichen Reichtum von Mythen und in tiefdringenden philosophischen Versuchen zum Ausdruck und suchen durch aszetische Lebensformen oder tiefe Meditation oder liebend-vertrauende Zuflucht zu Gott Befreiung von der Enge und Beschränktheit unserer Lage. In den verschiedenen Formen des Buddhismus wird das radikale Ungenügen der veränderlichen Welt anerkannt und ein Weg gelehrt, auf dem die Menschen mit frommem und vertrauendem Sinn entweder den Zustand vollkommener Befreiung zu erreichen oder – sei es durch eigene Bemühung, sei es vermittels höherer Hilfe – zur höchsten Erleuchtung zu gelangen vermögen. So sind auch die übrigen in der ganzen Welt verbreiteten Religionen bemüht, der Unruhe des menschlichen Herzens auf verschiedene Weise zu begegnen, indem sie Wege weisen: Lehren und Lebensregeln sowie auch heilige Riten.
Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet.
Unablässig aber verkündet sie und muß sie verkündigen Christus, der ist „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6), in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden, in dem Gott alles mit sich versöhnt hat (4).
Deshalb mahnt sie ihre Söhne, daß sie mit KIugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozial-kulturellen Werte, die sich bei ihnen finden, anerkennen, wahren und fördern.
Die muslimische Religion
3. Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde (5), der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft. Jesus, den sie allerdings nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten, und sie ehren seine jungfräuliche Mutter Maria, die sie bisweilen auch in Frömmigkeit anrufen. Überdies erwarten sie den Tag des Gerichtes, an dem Gott alle Menschen auferweckt und ihnen vergilt. Deshalb legen sie Wert auf sittliche Lebenshaltung und verehren Gott besonders durch Gebet, Almosen und Fasten.
Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslim kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.
Die jüdische Religion
4. Bei ihrer Besinnung auf das Geheimnis der Kirche gedenkt die Heilige Synode des Bandes, wodurch das Volk des Neuen Bundes mit dem Stamme Abrahams geistlich verbunden ist.
So anerkennt die Kirche Christi, daß nach dem Heilsgeheimnis Gottes die Anfänge ihres Glaubens und ihrer Erwählung sich schon bei den Patriarchen, bei Moses und den Propheten finden.
Sie bekennt, daß alle Christgläubigen als Söhne Abrahams dem Glauben nach (6) in der Berufung dieses Patriarchen eingeschlossen sind und daß in dem Auszug des erwählten Volkes aus dem Lande der Knechtschaft das Heil der Kirche geheimnisvoll vorgebildet ist. Deshalb kann die Kirche auch nicht vergessen, daß sie durch jenes Volk, mit dem Gott aus unsagbarem Erbarmen den Alten Bund geschlossen hat, die Offenbarung des Alten Testamentes empfing und genährt wird von der Wurzel des guten Ölbaums, in den die Heiden als wilde Schößlinge eingepfropft sind (7). Denn die Kirche glaubt, daß Christus, unser Friede, Juden und Heiden durch das Kreuz versöhnt und beide in sich vereinigt hat (8). Die Kirche hat auch stets die Worte des Apostels Paulus vor Augen, der von seinen Stammverwandten sagt, daß „ihnen die Annahme an Sohnes Statt und die Herrlichkeit, der Bund und das Gesetz, der Gottesdienst und die Verheißungen gehören wie auch die Väter und daß aus ihnen Christus dem Fleische nach stammt“ (Röm 9,4-5), der Sohn der Jungfrau Maria.
Auch hält sie sich gegenwärtig, daß aus dem jüdischen Volk die Apostel stammen, die Grundfesten und Säulen der Kirche, sowie die meisten jener ersten Jünger, die das Evangelium Christi der Welt verkündet haben.
Wie die Schrift bezeugt, hat Jerusalem die Zeit seiner Heimsuchung nicht erkannt (9), und ein großer Teil der Juden hat das Evangelium nicht angenommen, ja nicht wenige haben sich seiner Ausbreitung widersetzt (10). Nichtsdestoweniger sind die Juden nach dem Zeugnis der Apostel immer noch von Gott geliebt um der Väter willen; sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich (11). Mit den Propheten und mit demselben Apostel erwartet die Kirche den Tag, der nur Gott bekannt ist, an dem alle Völker mit einer Stimme den Herrn anrufen und ihm „Schulter an Schulter dienen“ (Soph 3,9) (12).
Da also das Christen und Juden gemeinsame geistliche Erbe so reich ist, will die Heilige Synode die gegenseitige Kenntnis und Achtung fördern, die vor allem die Frucht biblischer und theologischer Studien sowie des brüderlichen Gespräches ist.
Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben (13), kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen.
Gewiß ist die Kirche das neue Volk Gottes, trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern. Darum sollen alle dafür Sorge tragen, daß niemand in der Katechese oder bei der Predigt des Gotteswortes etwas lehre, das mit der evangelischen Wahrheit und dem Geiste Christi nicht im Einklang steht.
Im Bewußtsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle VerfoIgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben. Auch hat ja Christus, wie die Kirche immer gelehrt hat und lehrt, in Freiheit, um der Sünden aller Menschen willen, sein Leiden und seinen Tod aus unendlicher Liebe auf sich genommen, damit alle das Heil erlangen. So ist es die Aufgabe der Predigt der Kirche, das Kreuz Christi als Zeichen der universalen Liebe Gottes und als Quelle aller Gnaden zu verkünden.
Universale Brüderlichkeit
5. Wir können aber Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern. Das Verhalten des Menschen zu Gott dem Vater und sein Verhalten zu den Menschenbrüdern stehen in so engem Zusammenhang, daß die Schrift sagt: „Wer nicht liebt, kennt Gott nicht“ (1 Joh 4,8).
So wird also jeder Theorie oder Praxis das Fundament entzogen, die zwischen Mensch und Mensch, zwischen Volk und Volk bezüglich der Menschenwürde und der daraus fließenden Rechte einen Unterschied macht.
Deshalb verwirft die Kirche jede Diskriminierung eines Menschen oder jeden Gewaltakt gegen ihn um seiner Rasse oder Farbe, seines Standes oder seiner Religion willen, weil dies dem Geist Christi widerspricht. Und dementsprechend ruft die Heilige Synode, den Spuren der heiligen Apostel Petrus und Paulus folgend, die Gläubigen mit leidenschaftlichem Ernst dazu auf, daß sie „einen guten Wandel unter den Völkern führen“ (1 Petr 2,12) und womöglich, soviel an ihnen liegt, mit allen Menschen Frieden halten (14), so daß sie in Wahrheit Söhne des Vaters sind, der im Himmel ist (15).
Eine der entscheidenden Aussagen der Nostra Aetate ist das Anerkenntnis und das Bedauern der Schuld, welche die Katholische Kirche insbesondere (aber nicht nur, man denke nur an die Ketzer- und Hexenverfolgung) gegenüber den Juden auf sich geladen hat. Über beinahe 2000 Jahre wurden die Juden als die Mörder des Gottessohnes gebranntmarkt, in Ghettos gesperrt, auf das Bösartigste schikaniert und immer wieder bei von Kirchenvertretern organisierten Progromen ermordet (nachzulesen beispielsweise in dem sehr empfehlenswerten Buch „Christen gegen Juden“ von Gerhard Czermak, Rowohlt-Verlag 1997, oder in der Kurzfassung ). Das Gemeinsame zwischen den Menschen wird über das Trennende gestellt. Die unveräusserlichen Menschenrechte werden zum ersten Mal in der Geschichte der Katholischen Kirche ausdrücklich anerkannt. Anderen Religionen will man fortan auf der Basis des gegenseitigen Respekts und der Toleranz begegnen. Das ganze Dokument ist von einem liberalen Geist der Aufklärung im allerbesten Sinne geprägt! Die Grundgedanken entsprechen in etwa denen von Gotthold Ephraim Lessing in „Nathan der Weise“ (sehr schön z.B. die Kinderbuchausgabe ).

Benedikt XVI(rechts unten), Johannes Paul II (links unten), Johannes XXIII (Mitte oben), Marcel Lefebvre (Mitte unten), Richard Williamson (rechts oben), Vatikan (links oben) und Nostra Aetate (Mitte)
All das lehnten Erzbischof Marcel Lefebvre und seine ultrakonservative Pius-Bruderschaft, ein Zusammenschluss von Priestern (aber auch einigen Laien) vehement ab. Das ist bis heute so geblieben. Auf ihrem deutschen Internetauftritt (http://www.fsspx.info/news/) liest sich das so:
Mit dem Kreuzestod Christi ist der Vorhang des Tempels zerrissen, der Alte Bund abgeschafft, wird die Kirche, die alle Völker, Kulturen, Rassen und sozialen Unterschiede umfasst, aus der durchbohrten Seite des Erlösers geboren. Damit sind aber die Juden unserer Tage nicht nur nicht unsere älteren Brüder im Glauben, wie der Papst bei seinem Synagogenbesuch in Rom 1986 behauptete; sie sind vielmehr des Gottesmordes mitschuldig, so lange sie sich nicht durch das Bekenntnis der Gottheit Christi und die Taufe von der Schuld ihrer Vorväter distanzieren. Im Gegensatz dazu behauptet das II. Vatikanum, man könne die Ereignisse des Leidens Christi weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen (§ 4).
Der hier ausdrücklich wieder erhobene Vorwurf an die Juden, Jesus den Sohn Gottes ermordet zu haben,diente beinahe über die gesamte Kirchengeschichte als Vorwand für die Judenverfolgungen. Religions- und Meinungsfreiheit werden grundsätzlich abgelehnt, wenn es heisst:
Die vierte große Zeitbombe, die ins II. Vatikanische Konzil eingeschmuggelt worden ist, ist die Religionsfreiheit. Sie bedeutet nichts anderes als die Laisierung der Staaten und der Gesellschaft:
Im öffentlichen Bereich, so wird gesagt, d.h. in den Verfassungen, in den Parlamenten, in den Gerichtshöfen, in den Schulen, Krankenhäusern, Büros und Fabriken hätten alle Religionen gleiches Recht; keine dürfe beschränkt oder gar verboten werden, so lange sie sich nicht als gemeingefährlich erweise. Und dies sei ein Naturrecht, gegründet auf der Würde der menschlichen Person. Dazuhin, so behauptet man, sei der Staat inkompetent in religiösen Fragen; er könne von sich aus gar nicht wissen, welches die wahre Religion sei. Man lehrt also von kirchlicher Seite ausdrücklich den staatlichen Agnostizismus. Hier der Text des II. Vatikanums: „Das Vatikanische Konzil erklärt, dass die menschliche Person das Recht auf Religionsfreiheit hat. Diese Freiheit besteht darin, dass alle Menschen von jedem Zwang frei sein müssen, sowohl von Seiten Einzelner
wie von Gruppen in der Gesellschaft wie von jeglicher menschlichen Gewalt, und zwar in der Weise, dass in religiösen Dingen niemals jemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, und nicht daran gehindert wird, privat und öffentlich, als Einzelner oder in Verbindung
mit Anderen nach seinem Gewissen zu handeln, innerhalb der gebührenden Grenzen. Ferner erklärt das Konzil, das Recht auf Religionsfreiheit sei in Wahrheit auf die Würde der menschlichen Person
selbst gegründet, so wie sie durch das geoffenbarte Wort Gottes und auch durch die Vernunft selbst erkannt wird“ (§ 2).
Dass der Mensch nicht gezwungen werden kann und darf, eine gewisse Religion anzunehmen, ist völlig klar und wurde von der Kirche stets gelehrt (vgl. Can. 1351, CIC 1917). Auch in den privaten Bereich hat der Staat nicht einzugreifen. Doch etwas anderes ist es, im öffentlichen Bereich die Anhänger falscher Religionen daran zu hindern, ihre religiösen Überzeugungen durch öffentliche Kundgebungen, Missionierungsarbeit und Errichtung von Gebäuden für ihren falschen Kult in die Tat umzusetzen. Denn ist Jesus Christus der einzige Gott und sein Kreuz die einzige Heilsquelle, so muss dieser Alleinvertretungsanspruch in der Gesellschaft so weit wie nur möglich und im Rahmen des klugen Abmessens der Staatsoberhäupter geltend gemacht werden. Nur die
Wahrheit hat ein (Natur-) Recht, der Irrtum nie und nirgends. Oder hat etwa der Islam ein Naturrecht darauf, Moscheen zu bauen? So ist die Ablehnung der Religionsfreiheit im oben angegebenen Sinn ein machtvoller Schutz für die Seelen, die sonst unablässig der Propaganda der
Sekten und den Eroberungsfeldzügen der nichtchristlichen Religionen mehr oder weniger schutzlos ausgesetzt sind.
… Der Behauptung der Freigeister in der Kirche, der Staat müsse neutral sein, er sei inkompetent in Sachen Religion, stellen wir die zwei Aussagen des hl. Paulus gegenüber: „Omnia in ipso constant“ (Kol 1, 17) – alles, auch Regierungen und die öffentliche Ordnung, hat in Ihm Bestand. Und die
andere: „Oportet illum regnare“ (1 Kor 15,25): Er soll herrschen! Weil die Regierungen nicht mehr in ihm bestehen, deshalb fallen sie; weil eine gottlose Horde schreit: „Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche“ (Lk 19, 14), weil nicht mehr anerkannt wird, dass in keinem anderen Namen Heil ist (Apg 4, 12), deshalb schlittern wir von Krise zu Krise in Politik, Wirtschaft, Erziehungswesen, im Sozialbereich, auf moralischer Ebene, im künstlerischen Schaffen, in der Achtung der Autorität. Jesus Christus herrscht nicht mehr. Er hat allenfalls ein Mitdaseinsrecht neben Buddha, Mohammed und irgendwelchen Sektenführern; aber er ist nicht mehr der König des Denkens und der König der Herzen. Mit Entschiedenheit haben die Päpste bis zu Pius XII. eine solche Lästerung Unseres Herrn zurückgewiesen. Papst Pius IX. nennt in der Enzyklika „Verkehrte Meinung und Lehre“, die er kraft seiner apostolischen Pflicht und Sorge um den heiligsten Glauben, um die rechte Lehre, um das Heil der Seelen und kraft seiner apostolischen Vollmacht
zurückweise, verbiete und verdamme, und er wolle, dass alle Söhne der katholischen Kirche sie durchaus als zurückgewiesen, verboten und verdammt ansähen. Und im schon erwähnten Syllabus (Zusammenfassung) sind folgende zwei Irrtümer bezüglich der Religionsfreiheit verurteilt:
Satz 77: „In unserer Zeit geht es nicht mehr an, die katholische Religion als einzige Religion eines Staatswesens anzuerkennen unter Ausschluss aller übrigen Arten von Gottesverehrung.“
Satz 78: „Daher ist es lobenswert, wenn in gewissen katholischen Ländern gesetzlich vorgesehen wird, dass die Einwanderer öffentlich ihre eigene Religion, welcher Art sie auch sei, ausüben dürfen.“
Hand in Hand mit der Religionsfreiheit geht die Verkündigung einer grenzenlosen Gewissens- und schrankenlosen Meinungsfreiheit, konkretisiert und unablässig eingefordert in der so genannten Mündigkeit der Christen. Was Wunder, wenn die Gläubigen mit Berufung auf ihr subjektives Gewissen protestieren wie bei der Verkündigung der Enzyklika
gewissen Bischofsernennungen! Wer Wind sät, der wird Sturm ernten. Wer Zeitbomben legt, der muss wissen, dass sie eines Tages explodieren. …
Quelle: http://www.fsspx.info/media/pdf/Begleitschreiben.pdf#page=11 (Die entscheidenden Aussagen sind rot hervorgehoben.)
Die wichtigen Errungenschaften der Aufklärung: Menschenrechte, Redefreiheit, Religionsfreiheit und Demokratie werden von den Pius-Brüdern verworfen.Ebenso lehnen sie jedwede Verständigung mit Andersgläubigen ab. Offenbar schwebt der Organisation ein christlich-autoritärer Staat vor, also eine Art Theokratie (Gottesherrschaft), wo die Staatsgewalt allein religiös begründet ist. Anderen Weltanschauungen wird kein Existenzrecht eingeräumt, denn sie gelten als Bedrohung für den rechten Glauben.
Seit ihrer Gründung äusserten sich Vertreter der Pius-Bruderschaft, einschliesslich ihres Gründers, immer wieder lobend über rechsorientierte diktatorische Regime, wie die ehemaligen Militärdiktaturen in Argentien, Chile oder Spanien, wo Andersdenkende vielfach im Gefängnis landeten oder sogar ermordet wurden. Auch der Führer der rechtsextremen Front National (FN) in Frankreich, Jean-Marie Le Penm genoss von Anfang an grosse Sympathien.
Schliesslich besteht die Priesterbruderschaft auch darauf, die sogenannte „Heilige Messe“, also den Gottesdienst nach altem Ritus in lateinscher Sprache zu halten. Offenbar hält man es bei den Pius-Brüdern für unnötig, dass die Gläubigen die Inhalte der gehaltenen Predigten verstehen! Die “Neue Messe“ der Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils enthält nach den Worten Erzbischof Lefebvres „ein für den Glauben schädliches Gift“. Ob damit das bei Verstehen der Predigttexte mögliche Nachdenken über die Inhalte gemeint ist?
Jens Christian Heuer


