Der britischen Ökonom John Maynard Keynes (1883-1946) entwickelte vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise in den dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts seine Allgemeine Theorie, bis heute ein Meilenstein der Wirtschaftsgeschichte.
John Maynard Keynes wurde 1883 als Sohn eines bekannten britischen Wirtschaftswissenschaftlers in der englischen Universitätsstadt Cambridge geboren. Er besuchte die renommierte Privatschule in Eton, im Süden Englands, westlich von London und das King´s College in Cambridge. Dort studierte Keynes Mathematik, Geschichte und Philosophie. Nach seinem Examen, das er als Zweitbester seines Jahrgangs bestand, arbeitete er von 1906-1909 im britischen Schatzamt (Finanzministerium) und danach am King’s College. Hier fand Keynes Anschluss an die Bloomsbury- Gruppe, in der jüngere Politiker, Literaten und Künstler regelmässig zusammentrafen. Die Gruppe, deren bekanntestes Mitglied die Schriftstellerin Virginia Woolf war, pflegte einen freien Lebensstil und praktizierte eine für die Zeit aussergewöhnlich tolerante Sexualität.
Im Jahre 1911 wurde Keynes Herausgeber des Economic Journal, der wichtigsten wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschrift Grossbritanniens.
Während des ersten Weltkriegs beriet Keynes, der übrigens selbst Kriegsdienstverweigerer war, die britische Regierung bei der Kriegsfinanzierung. Nach Kriegsende war er ab 1919 Mitglied der britischen Delegation bei den Friedensgesprächen in Versailles. Dort wandte er sich massiv gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrags (unbezahlbar hohe Reparationsforderungen an Deutschland), die er als babarisch und verhängnisvoll für die Zukunft Deutschlands und seiner Nachbarländer empfand; jedoch vergeblich. Daraufhin verliess Keynes die britische Delegation und schrieb innerhalb kurzer Zeit das weltweit Aufsehen erregende Buch “ The economic consequences of the peace“ (dt. „Die ökonomischen Konsequenzen des Friedensvertrages“). In den folgenden Jahren spekulierte Keynes erfolgreich an der Börse und beteiligte sich auch an der wirtschaftspolitischen Diskussionen in England. So lehnte er beispielsweise die 1925 vom Schatzkanzler (Finanzminister) Winston Churchill durchgesetzte Rückkehr Englands zum Goldstandard ab, da der dabei zustande kommende hohe Wechselkurs des Pfundes (dadurch wurden englische Waren für ausländische Käufer zu teuer) seiner Ansicht nach die internationale Konkurrenzfähigkeit Englands gefährdete. Im Jahre 1925 heirate Keynes die russische Balletttänzerin Lydia Lopokova, die er über die Bloomsbury- Gruppe kennengelernt hatte. Wissenschaftlich befasste er sich mit geldtheoretischen Fragestellungen.
1929 brach die Weltwirtschaftskrise aus. Keynes entfernte sich inzwischen immer mehr von der klassischen Wirtschaftstheorie (klassische Ökonomie), die allein auf die Marktkräfte der Unsictbaren Hand setzte und jegliche staatliche Eingriffe zur Bekämpfung der Krise strikt ablehnte. Das führte ihn schliesslich zu seiner “Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ (General Theory), die 1936 veröffentlicht wurde und mit den traditionellen Vorstellungen der Klassik brach:
Die klassische Ökonomie vor Keynes, die auf Adam Smith (1723 – 1790) und David Ricardo (1772 – 1823) zurückgeht, ging davon aus, dass Angebot und Nachfrage auf allen Märkten für einen Gleichgewichtspreis sorgen, bei dem alle Ressourcen optimal eingesetzt werden und somit Vollbeschäftigung herrscht. Die Produktion der auf den Märkten angebotenen Waren und Dienstleistungen ist immer mit Kosten verbunden, die aber zugleich auch Einkommen (Löhne, Gewinne, Zinsen) sind. Diese Einkommen werden ausgegeben, so dass immer eine ausreichende gesamtwirtschaftliche Nachfrage besteht (Saysches Theorem, Jean-Baptiste Say (1767 – 1832), französischer Ökonom). Das gilt auch dann, wenn ein Teil des Einkommens gespart wird und damit als Nachfrage zunächst ausfällt. Eine solche gesamtwirtschaftliche Nachfragelücke wird immer durch Investitionen der Unternehmen zur Erweiterung des Angebots (Investitionsnachfrage) geschlossen. Das liegt am sogenannten Zinsmechanismus: Wenn beispielsweise zuviel gespart wird, sinken durch das Überangebot an Geld auf dem Kapitalmarkt die Zinsen für geliehenes Geld. Das ermuntert zu Investitionen, die sich ja umso mehr lohnen, je deutlicher die dabei erzielte Rendite über dem Zinssatz liegt. Diese Zinsabhängigkeit der Investitionen stellt sicher, daß immer genug investiert wird, um eine Nachfragelücke zu schliessen. Genau an diesem Punkt widerspricht Keynes und weist auf die folgende jederzeit nachvollziehbare Tatsache hin:
Die Investitionsbereitschaft eines Unternehmens hängt zwar auch von den Zinssätzen ab, aber eben nicht nur. Entscheidend sind vielmehr die mehr oder weniger unsicheren Zukunftserwartungen. Nur wenn das Unternehmen damit rechnen kann, seinen Absatz zu steigern, also mehr von seinen angebotenen Waren oder Dienstleistungen zu verkaufen, lohnt es sich zu investieren, um das eigene Angebot auf dem Markt zu erhöhen. Erscheinen die Zukunftsaussichten eher düster, so wird selbst bei einem Zinssatz von Null (Geld zum Nulltarif!) nicht investiert. Die Wirtschaft steckt in einer Liquiditätsfalle!
John Maynard Keynes (1883-1946) Quelle: http://einestages.spiegel.de/
Der Zinssatz selbst ist nicht nur vom Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Kapitalmarkt abhängig, sondern ganz entscheidend auch von den Zukunftserwartungen der Sparer.
Denn nach Keynes ist der Zins eine Entschädigung für den Sparer, wenn dieser sich vorübergehend von seinem Geld trennt, um es zu verleihen (Liquiditätsprämie). Der Sparer verzichtet dann für eine gewisse Zeit auf die Vorteile durch die Kassenhaltung seines Geldes: 1) Er kann sich damit, wann immer er will, wichtige und schöne Dinge kaufen (Transaktionskasse). 2) Es gibt ihm (relative) Sicherheit für eine unsichere Zukunft (Vorsichtskasse). 3) Er kann es vorhalten, um es bei einer sich bietenden günstigen Gelegenheit an der Börse einzusetzen (Spekulationskasse).
Der letzte Punkt ist besonders interessant, denn er kann sich schwerwiegend auf das Wirtschaftsgeschehen auswirken: Bei einem Wirtschaftsabschwung senkt die Zentralbank den Leitzins, um den Geschäftsbanken die Vergabe günstigerer Kredite zu ermöglichen, wodurch Investitionen rentabler werden und auch mehr konsumiert wird. Ein Teil des nun zusätzlich im Umlauf befindlichen Geldes wird in festverzinslichen Wertpapieren angelegt. Die Nachfrage auf demWertpapiermarkt nimmt zu und die Kurse steigen dementsprechend. Dadurch passen sich wiederum die Realverzinsungen der Wertpapiere dem von der Zentralbank vorgegebenen sehr niedrigem Zinssatz an. Die Anleger rechnen nun bei derartig niedrigen Zinsen aber häufig wieder mit ansteigenden Zinssätzen und halten Geld vor (Kassenhaltung), um zu kaufen, wenn die Kurse der Wertpapiere durch den erwarteten Zinsanstieg wieder gefallen sind. Denken sehr viele Sparer so, dann setzt sich der gesenkte Leitzins der Zentralbank nicht in vollem Umfang am Markt durch, weil das zusätzliche Geld eben nicht zum Kauf von festverzinslichen Wertpapieren genutzt, sondern in den Spekulationskassen geparkt wird, um auf eine Zinswende zu warten. Die Kreditzinsen gehen also trotz der Leitzinssenkung der Zentralbank nicht im gewünschten Ausmass zurück und damit entfällt auch der erhoffte Anreiz für zusätzliche Investitionen, so dass der Versuch der Zentralbank die Wirtschaft anzukurbeln misslingt. Die Wirtschaft steckt in einer Liquiditättsfalle!
Die Investitionsbereitschaft der Unternehmen hängt in erster Linie von den Zukunftserwartungen ab und dann natürlich von den Zinsen. Beide Einflussfaktoren beinhalten grosse Unsicherheiten, und es gibt keinen Automatismus, der für eine hinreichend grosse Investitionstätigkeit sorgt, um die infolge des Sparens entstandene gesamtwirtschaftliche Nachfragelücke zu schliessen. Wird aber zuwenig investiert, so bleiben die Unternehmen auf einem Teil ihrer produzierten Waren und Dienstleistungen sitzen. Die Produktion wird daraufhin heruntergefahren, es gibt weniger Arbeitsplätze, weniger Einkommen und weniger Ersparnisse. Die Zuversicht der Unternehmen schwindet infolge der sinkenden Kaufkraft breiter Schichten der Bevölkerung. Und es wird noch weniger investiert, weitere Arbeitsplätze gehen verloren, die Kaufkraft geht fortgesetzt zurück. So geht es immer weiter bergab (Multiplikatoreffekt). Durch die sinkenden Einkommen wird weniger gespart, bis sich die Summe der gesparten Gelder im Nachhinein der zu geringen Investitionssumme angeglichen hat. Es herrscht nun zwar wieder ein Gleichgewicht zwischen Sparen und Investieren, aber bei (hoher) unfreiwilliger Arbeitslosigkeit!
Nach klassischer Ansicht kann aber Arbeitslosigkeit nur entstehen, wenn zu hohe Löhne verlangt werden, sie ist also immer freiwillig! Dass Unternehmen solange neue Arbeitskräfte einstellen, wie diese den Gewinn mehren und entlassen, wenn sie zu teuer sind, bestritt auch Keynes nicht, wies aber darauf hin, daß allgemein sinkende Löhne auch einen Rückgang der Kaufkraft bedeuten. Die Folge ist eine sinkende gesamtwirtschaftliche Nachfrage und damit auch schlechtere Zukunftsaussichten für die Unternehmen.
Lohnsenkungen können durchaus einzelnen Unternehmen weiterhelfen, in großem Umfang führen sie jedoch schnurstracks in die Wirtschaftskrise. Es handelt es sich um eine typische Rationalitätenfalle, denn die wirtschaftliche Vernunft des einzelnen Unternehmens widerspricht hier eindeutig der gesamtwirtschaftlichen Vernunft!
Keynes schlug deshalb vor, durch staatliches Handeln private Investitionen zu begünstigen (Steuersenkungen, verbesserte Abschreibungen bei Investitionen, Zuschüsse) und staatliche Investitionsprogramme zur Verbesserung der Infrastruktur aufzulegen. Die damit zusätzlich geschaffenen Einkommen erhöhen dann die Nachfrage, soweit sie nicht gespart werden. Erhöhte Nachfrage ermuntert zu Investitionen, um die Produktion auszuweiten, wodurch neue Einkommen entstehen, die wiederum nachfragewirksam werden usw. Durch einen solchen Multiplikatoreffekt wird die gesamtwirtschaftliche Nachfragelücke letztendlich geschlossen! Sinnvoll sind auch Unterstützungsmassnahmen für Arme. Da diese bei ihrem geringen Einkommen nur eine geringe Sparquote erreichen, geht bei ihnen zusätzliches Geld (fast) ausschliesslich in den Konsum, wodurch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage steigt. Bei den Reichen, deren Konsumwünsche weitestgehend schon erfüllt sind, wird zusätzliches Geld aus Steuererleichterungen überwiegend gespart und deshalb zunächst nicht nachfragewirksam. Staatliche Einkommensumverteilung zugunsten der Ärmeren dient also nicht nur der sozialen Gerechtigkeit, sondern hat auch wirtschaftspolitisch Einiges für sich!
Diese „Keynes’sche Revolution der Wirtschaftswissenschaften“ stiess weltweit auf grossen Widerhall. Es gab begeisterte Zustimmung, aber auch schroffe Ablehnung. Kurz nach der Veröffentlichung der Allgemeinen Theorie (1937) erlitt Keynes einen Herzinfarkt, von dem er sich nie wieder ganz erholte. Inzwischen ging es mit der Weltwirtschaft langsam wieder bergauf. Dazu hatten auch staatliche Infrastrukturinvestitionen beigetragen, wie z.B. der New Deal des Präsidenten Franklin Delano Roosevelt in den USA. Als dann der 2. Weltkrieg ausbrach, herrschte durch die hohe Waffenproduktion bald wieder Vollbeschäftigung. Keynes beriet, wie schon im 1.Weltkrieg, die britische Regierung in Fragen der Kriegsfinanzierung. Gegen Ende des Krieges leitete er die britische Delegation bei den Verhandlungen über eine neue Weltwirtschafts- und Weltwährungsordnung in Bretton Woods (USA), konnte sich mit seinen Vorstellungen einer Weltzentralbank und einer Art internationaler Währung nicht gegen die Amerikaner durchsetzen, die für einen goldgestützten US-Dollar als Weltleitwährung eintraten. Im Jahre 1946 erlag John Maynard Keynes zuhause in England einem zweiten Herzinfarkt.
Jens Christian Heuer
