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Die Legende von den unwirksamen Konjunkturprogrammen in Deutschland

In Jens Christian Heuer, Makroökonomie, Politik on 12. April 2009 at 11:40

Immer wieder wird von den Gegnern keynesianischer Wirtschaftspolitik behauptet Konjunkturprogramme würden nicht funktionieren, sondern lediglich eine Geldentwertung herbeiführen und in eine wachsende Staatsverschuldung münden, welche die kommenden Generationen über Gebühr belasten und den Handlungsspielraum der zukünftigen Politik stark einschränken werde.

In Deutschland wird in der wirtschaftspolitischen Diskussion von konservativer Seite als abschreckendes Beispiel die angeblich misslungenen Konjunkturprogramme der SPD/FDP Regierungskoalition in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts genannt. Die damalige Bundesregierung sah sich infolge der Ölkrise mit einer tiefen Wirtschaftskrise und wachsender Arbeitslosigkeit  konfrontiert.

Zur Ölkrise Ende 1973 kam es infolge einer drastischen Ölpreisverteuerung, ausgelöst durch den arabisch-israelischen Yom-Kippur-Krieg. Der Krieg begann mit einem überraschenden Angriff Ägyptens und Syriens auf Israel, der aber zurückgeschlagen werden konnte. Bei ihrer Gegenoffensive stiessen israelische Truppen weit auf das Territorium der Angreifer vor. Nach Ende des Krieges beschloss die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) die Erdölfördermengen so lange zu drosseln bis Israel die besetzten Gebiete geräumt und die Rechte des palästinensischen Volkes“ wiederhergestellt habe. Die geringeren Fördermengen liessen den Erdölpreis stark ansteigen, wodurch vor allem die westlichen Volkswirtschaften, so auch Deutschland, arg in Mitleidenschaft gezogen wurden. Querbeet durch alle Warengruppen zogen die Preise an und das Wirtschaftswachstum brach ein. In Deutschland kam noch eine 11%ige (!)Lohnerhöhung im öffentlichen Dienst hinzu, welche die Gewerkschaft Öffentliche Dienste,Transport und Verkehr (ÖTV) Anfang 1974 durchsetzte und damit Massstäbe für die anstehende Tarifrunde setzte. Die Bundesbank war durch die auf breiter Front steigenden Preise alarmiert und versuchte mit einer restriktiven Geldpolitik (Anhebung der Leitzinsen)der drohenden Inflation entgegenzusteuern. Die Bundesbank orientierte sich an monetaristischen Prinzipien, d. h. sie räumte der Preisstabilität allerhöchste Priorität ein. Andere wirtschaftliche Eckdaten wie etwa Konjunkturentwicklung und Arbeitslosenquote sah sie demgegenüber als unbeudeutend für ihre Geldpolitik an. Zur gleichen Zeit versuchte die SPD/FDP – Regierung unter Bundeskanzler Helmut Schmidt der Wirtschaftskrise mit einer keynesianischen Politik aktiv zu begegnen.

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Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) und Bundesaussenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) während einer Kabinettssitzung in Bonn. Quelle: dpa

Die steigende Staatsverschuldung durch sinkende Steuereinnahmen und steigende Sozialausgaben aufgrund der zunehmenden Arbeitslosigkeit wurde erst einmal hingenommen, um nicht durch Sparmassnahmen die Konjunktur noch mehr abzuwürgen. Darüber hinaus wurde ein Konjunkturprogramm beschlossen, das auf 4 Jahre angelegte Zukunftsinvestitionen Programm (ZIP) das staatliche Ausgaben in den Bereichen Verkehrsinfrastruktur, Stadtsanierung, umweltfreundliche Energieverwendung u.a.m. vorsah. Dieses Programm, welches noch durch Vorziehen schon länger geplanter, inzwischen entscheidungsreifer Investitionsvorhaben ergänzt wurde, war durchaus erfolgreich, denn es gelang dami die Arbeitsplatzverluste seit 1973 bis zum Jahre 1980 wieder vollkommen auszugleichen!

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Die Konjunkturprogramme der 1970er Jahre brachten bis 1980 immerhin 1 Million neue Arbeitsplätze. Doch der Eintritt der geburtenstarken Jahrgänge in den Arbeitsmarkt, gerade in diesem Zeitraum, liessen die ausgewiesene Arbeitslosigkeit ansteigen, so dass der Erfolg der keynesianischen Politik unsichtbar blieb. Quelle: http://www.horizonte-magazin.de/

Allerdings war dieser Erfolg für die Öffentlichkeit nicht so ohne weiteres zu erkennen, weil genau in diesem Zeitraum auch die geburtenstarken Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt drängten (etwa 2 Millionen), so dass die insgesamt ausgewiesene Arbeitslosigkeit sogar anstieg. Die Schaffung von rund 1 Million Arbeitsplätzen blieb so weitgehend unbemerkt! In der öffentlichen Diskussion dominierten stattdessen die wachsende Staatsverschuldung und der angeblich drohende Staatsbankrott. Und gelohnt hatte sich diese ja auch nicht, denn war die Arbeitslosigkeit ja noch angestiegen, trotz aller staatlichen Konjunkturprogramme, so die vorherrschende (und bis heute gültige) Ansicht. So lag der Fehlschluss ganz nahe, dass Konjunkturprogramme grundsätzlich nicht funktionieren!

Das die keynesianische Politik der Schmidt – Regierung, wie die Zahlen zeigen, aber in Wirklichkeit doch ganz gut wirkte, ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass die Bundesbank die Regierung bei ihrem Konjunkturprogrammen nicht nur nicht unterstützte, sondern direkt dagegensteuerte. Mit ihrer restriktiven Geldpolitik sorgte sie für steigende Zinssätze, die nicht gerade zu den Investitionen ermunterten, die unbedingt notwendig waren, um die Wirtschaft wieder flott zu machen.

Quelle: Erik Gurgdies in horizonte 11, Keynesianismus

Jens Christian Heuer

Mehr über Keynes hier

Kurznotizen: Absturz der Weltwirtschaft – EZB senkt Leitzins

In Jens Christian Heuer, Kurznotizen on 8. März 2009 at 21:37

Absturz der Weltwirtschaft

Die Weltwirtschaft befindet sich weiterhin im Sinkflug, der immer mehr Gefahr läuft in einen Sturzflug überzugehen. Ein paar Schlaglichter:

Der Welthandel mit Waren und Dienstleistunggen erlebt derzeit einen Einbruch wie seit dem 2.Weltkrieg nicht mehr. Besonders betroffen davon sind natürlich grosse Exportländer wie Japan, China und Deutschland.

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Quelle: http://www.ftd.de

In Japan gingen, wie jetzt bekannt wurde, die Exporte im Januar 2009 gegenüber dem Vormonat um 10,4 % zurück. Verglichen mit dem Januar 2008 ergab sich sogar ein Minus von 46%! Japans Wirtschaftsleistung ist zu über 50% vom Export abhängig.

Auch Deutschland erlebte einen Einbruch der Exporte. Im letzten Quartal 2008 gingen sie um 7,3% gegenüber dem Vorquartal zurück; gegenüber dem letzten Quartal 2007 waren es minus 5,2%. Einen solchen Rückgang hat es seit 15 Jahren nicht mehr gegeben. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt sank im selben Zeitraum gegenüber dem Vorjahr um 2,1%. Auftragseingänge, Industrieproduktion und Ausrüstungsinvestitionen gehen weltweit weltweit dramatisch zurück, seit im Herbst die Finanz- und Weltwirtschaftskrise mit der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers so richtig Fahrt aufnahm. Die Investitionen sind, infolge der seitdem immer weiter zunehmenden Verunsicherung der Investoren,  weltweit eingebrochen. Eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale!Das zeigen in dramatischer Weise auch die Arbeitslosenzahlen. So gingen in den USA im Februar 2009 über 650.000 Arbeitsplätze verloren. Die Arbeitslosenquote kletterte von 7,6 auf 8,1%. In den beiden Vormonaten sah es ähnlich aus. Einen solchen Anstieg der Arbeitslosigkeit haben die USA seit 1949 nicht mehr erlebt.

EZB senkt Leitzins

Die europäische Zentralbank (EZB) hat den Leitzins um 0,5% gesenkt. Der  Zinssatz, zu dem sich die Geschäftsbanken bei der Zentralbank Geld leihen können, sank damit auf 1,5%, das niedrigste Niveau seit Einführung des Euro vor 10 Jahren. Die Zinssenkung soll den Geschäftsbanken die Möglichkeit eröfnen, durch eine Kreditvergabe zu günstigeren Zinssätzen mehr Geld in Umlauf zu bringen, um so Investitionen und Konsum und damit letztendlich die gesamte Wirtschaft anzukurbeln. Doch die Erfolgsaussichten erscheinen leider gering und das aus zwei Gründen:

Durch den extremen Einbruch der Gesamtnachfrage sind die Absatzchancen der Unternehmen derart zurückgegangen, dass mehr Investitionen, die ja normalerweise einer Ausweitung der Produktion dienen bei niedrigeren Zinsen wohl kaum zu erwarten sind, selbst dann, wenn die Zinsen auf Null gesenkt würden.

Hinzu kommt noch, dass die Geschäftsbanken, die Leitzzinssenkungen bisher kaum an ihre Privatkunden (Überziehungs-und Ratenkredite zu Konsumzwecken) weitergeben. Auf diese Weise versuchen die Banken ihre Zinsspanne auzuweiten,um so ihre durch Fehlspekulation entstandenen Bilanzverluste wenigstens zum Teil wettzumachen.  Die Leitzinsabsenkung wird also wahrscheinlich verpuffen.

Die europäische Wirtschaft steckt in einer Liquiditätsfalle und damit bleiben Zinssenkungen leider ohne Wirkung. Damit bleibt nur die Hoffnung auf die in mehreren europäischen Staaten schon angelaufenen Konjunkturprogramme.

Jens Christian Heuer

Quelle: http://www.ftd.de

Wer die Pius-Brüder sind und was sie wollen

In Jens Christian Heuer, Politik, Wissenswertes on 5. Februar 2009 at 00:20

Die Pius-Bruderschaft mit ihren 4 abtrünnigen Bischöfen wurde zu Beginn des Jahres 2009 vom amtierenden Papst Benedikt XVI (Joseph Alois Ratzinger, geb.1927) rehabilitiert und damit wieder in die Katholischen Kirche aufgenommen.  Im Jahre 1988 hatte Papst Johannes Paul II (Karol Józef Wojtyła, 1920-2005) die Bruderschaft wegen unüberbrückbarer Differenzen mit der Amtskirche exkommuniziert, also aus der Kirche ausgeschlossen. Aktueller Anlass war damals die aus Sicht der Kirche illegitime Bischofsweihe durch den Gründer der Pius-Bruderschaft Erzbischof Marcel Lefebvre (1905-1991). Die nun erfolgte Wiederaufnahme der Pius-Bruderschaft in die Katholische Kirche erregt internationales Aufsehen und löst weltweit Befremden aus, da einer der rehabilitierten Pius-Bischöfe, der Brite Richard Williamson (geb. 1940) wiederholt und zuletzt noch vor nur wenigen Tagen die nationalsozialistischen Verbrechen an den Juden verharmloste und den Antisemitismus für wahr erklärte.

Wer sind nun aber die Pius-Brüder und worum geht im Streit mit der Katholischen Kirche?

Die Priesterbruderschaft St. Pius X (lateinisch: Fraternitas Sacerdotalis Sancti Pii X. (decimi), abgekürzt FSSPX) wurde 1970 durch den Erzbischof Marcel Lefebvre (1905-1991) gegründet.  Lefebvre, zunächst Missionar in Afrika, war später als Erzbischof von Dakar (Senegal) im Namen des Papstes zuständig für das gesamte französich sprechende Afrika. Im Jahr 1960 berief ihn Papst Johannes XXIII (Angelo Giuseppe Roncalli, 1881-1963) in die Vorbereitungskommission für das von ihm einberufene Zweite Vatikanische Konzil. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) brachte eine tiefgreifende Reform der Katholischen Kirche. Erstmals wurde die Religionsfreiheit anerkannt und eine Öffnung gegenüber dem Judentum und anderen Weltreligionen eingeleitet, die fortan als gleichberechtigt gelten. In der Nostra Aetate (lat.: In unserer Zeit), dem wichtigsten Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils heisst es über das Verhältnis zu den anderen Religionen:

 Einführung

1. In unserer Zeit, da sich das Menschengeschlecht von Tag zu Tag enger zusammenschließt und die Beziehungen unter den verschiedenen Völkern sich mehren, erwägt die Kirche mit um so größerer Aufmerksamkeit, in welchem Verhältnis sie zu den nichtchristlichen Religionen steht. Gemäß ihrer Aufgabe, Einheit und Liebe unter den Menschen und damit auch unter den Völkern zu fördern, faßt sie vor allem das ins Auge, was den Menschen gemeinsam ist und sie zur Gemeinschaft untereinander führt.

Alle Völker sind ja eine einzige Gemeinschaft, sie haben denselben Ursprung, da Gott das ganze Menschengeschlecht auf dem gesamten Erdkreis wohnen ließ (1); auch haben sie Gott als ein und dasselbe letzte Ziel. Seine Vorsehung, die Bezeugung seiner Güte und seine Heilsratschlüsse erstrecken sich auf alle Menschen (2), bis die Erwählten vereint sein werden in der Heiligen Stadt, deren Licht die Herrlichkeit Gottes sein wird; werden doch alle Völker in seinem Lichte wandeln (3).

Die Menschen erwarten von den verschiedenen Religionen Antwort auf die ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins, die heute wie von je die Herzen der Menschen im tiefsten bewegen: Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Was ist das Gute, was die Sünde? Woher kommt das Leid, und welchen Sinn hat es? Was ist der Weg zum wahren Glück? Was ist der Tod, das Gericht und die Vergeltung nach dem Tode? Und schließlich: Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?

Die verschiedenen Religionen

2. Von den ältesten Zeiten bis zu unseren Tagen findet sich bei den verschiedenen Völkern eine gewisse Wahrnehmung jener verborgenen Macht, die dem Lauf der Welt und den Ereignissen des menschlichen Lebens gegenwärtig ist, und nicht selten findet sich auch die Anerkenntnis einer höchsten Gottheit oder sogar eines Vaters. Diese Wahrnehmung und Anerkenntnis durchtränkt ihr Leben mit einem tiefen religiösen Sinn.

Im Zusammenhang mit dem Fortschreiten der Kultur suchen die Religionen mit genaueren Begriffen und in einer mehr durchgebildeten Sprache Antwort auf die gleichen Fragen. So erforschen im Hinduismus die Menschen das göttliche Geheimnis und bringen es in einem unerschöpflichen Reichtum von Mythen und in tiefdringenden philosophischen Versuchen zum Ausdruck und suchen durch aszetische Lebensformen oder tiefe Meditation oder liebend-vertrauende Zuflucht zu Gott Befreiung von der Enge und Beschränktheit unserer Lage. In den verschiedenen Formen des Buddhismus wird das radikale Ungenügen der veränderlichen Welt anerkannt und ein Weg gelehrt, auf dem die Menschen mit frommem und vertrauendem Sinn entweder den Zustand vollkommener Befreiung zu erreichen oder – sei es durch eigene Bemühung, sei es vermittels höherer Hilfe – zur höchsten Erleuchtung zu gelangen vermögen. So sind auch die übrigen in der ganzen Welt verbreiteten Religionen bemüht, der Unruhe des menschlichen Herzens auf verschiedene Weise zu begegnen, indem sie Wege weisen: Lehren und Lebensregeln sowie auch heilige Riten.

Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet.

Unablässig aber verkündet sie und muß sie verkündigen Christus, der ist „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6), in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden, in dem Gott alles mit sich versöhnt hat (4).

Deshalb mahnt sie ihre Söhne, daß sie mit KIugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozial-kulturellen Werte, die sich bei ihnen finden, anerkennen, wahren und fördern.

Die muslimische Religion

3. Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde (5), der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft. Jesus, den sie allerdings nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten, und sie ehren seine jungfräuliche Mutter Maria, die sie bisweilen auch in Frömmigkeit anrufen. Überdies erwarten sie den Tag des Gerichtes, an dem Gott alle Menschen auferweckt und ihnen vergilt. Deshalb legen sie Wert auf sittliche Lebenshaltung und verehren Gott besonders durch Gebet, Almosen und Fasten.

Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslim kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.

Die jüdische Religion

4. Bei ihrer Besinnung auf das Geheimnis der Kirche gedenkt die Heilige Synode des Bandes, wodurch das Volk des Neuen Bundes mit dem Stamme Abrahams geistlich verbunden ist.

So anerkennt die Kirche Christi, daß nach dem Heilsgeheimnis Gottes die Anfänge ihres Glaubens und ihrer Erwählung sich schon bei den Patriarchen, bei Moses und den Propheten finden.

Sie bekennt, daß alle Christgläubigen als Söhne Abrahams dem Glauben nach (6) in der Berufung dieses Patriarchen eingeschlossen sind und daß in dem Auszug des erwählten Volkes aus dem Lande der Knechtschaft das Heil der Kirche geheimnisvoll vorgebildet ist. Deshalb kann die Kirche auch nicht vergessen, daß sie durch jenes Volk, mit dem Gott aus unsagbarem Erbarmen den Alten Bund geschlossen hat, die Offenbarung des Alten Testamentes empfing und genährt wird von der Wurzel des guten Ölbaums, in den die Heiden als wilde Schößlinge eingepfropft sind (7). Denn die Kirche glaubt, daß Christus, unser Friede, Juden und Heiden durch das Kreuz versöhnt und beide in sich vereinigt hat (8). Die Kirche hat auch stets die Worte des Apostels Paulus vor Augen, der von seinen Stammverwandten sagt, daß „ihnen die Annahme an Sohnes Statt und die Herrlichkeit, der Bund und das Gesetz, der Gottesdienst und die Verheißungen gehören wie auch die Väter und daß aus ihnen Christus dem Fleische nach stammt“ (Röm 9,4-5), der Sohn der Jungfrau Maria.

Auch hält sie sich gegenwärtig, daß aus dem jüdischen Volk die Apostel stammen, die Grundfesten und Säulen der Kirche, sowie die meisten jener ersten Jünger, die das Evangelium Christi der Welt verkündet haben.

Wie die Schrift bezeugt, hat Jerusalem die Zeit seiner Heimsuchung nicht erkannt (9), und ein großer Teil der Juden hat das Evangelium nicht angenommen, ja nicht wenige haben sich seiner Ausbreitung widersetzt (10). Nichtsdestoweniger sind die Juden nach dem Zeugnis der Apostel immer noch von Gott geliebt um der Väter willen; sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich (11). Mit den Propheten und mit demselben Apostel erwartet die Kirche den Tag, der nur Gott bekannt ist, an dem alle Völker mit einer Stimme den Herrn anrufen und ihm „Schulter an Schulter dienen“ (Soph 3,9) (12).

Da also das Christen und Juden gemeinsame geistliche Erbe so reich ist, will die Heilige Synode die gegenseitige Kenntnis und Achtung fördern, die vor allem die Frucht biblischer und theologischer Studien sowie des brüderlichen Gespräches ist.

Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben (13), kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen.

Gewiß ist die Kirche das neue Volk Gottes, trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern. Darum sollen alle dafür Sorge tragen, daß niemand in der Katechese oder bei der Predigt des Gotteswortes etwas lehre, das mit der evangelischen Wahrheit und dem Geiste Christi nicht im Einklang steht.

Im Bewußtsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle VerfoIgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben. Auch hat ja Christus, wie die Kirche immer gelehrt hat und lehrt, in Freiheit, um der Sünden aller Menschen willen, sein Leiden und seinen Tod aus unendlicher Liebe auf sich genommen, damit alle das Heil erlangen. So ist es die Aufgabe der Predigt der Kirche, das Kreuz Christi als Zeichen der universalen Liebe Gottes und als Quelle aller Gnaden zu verkünden.

Universale Brüderlichkeit

5. Wir können aber Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern. Das Verhalten des Menschen zu Gott dem Vater und sein Verhalten zu den Menschenbrüdern stehen in so engem Zusammenhang, daß die Schrift sagt: „Wer nicht liebt, kennt Gott nicht“ (1 Joh 4,8).

So wird also jeder Theorie oder Praxis das Fundament entzogen, die zwischen Mensch und Mensch, zwischen Volk und Volk bezüglich der Menschenwürde und der daraus fließenden Rechte einen Unterschied macht.

Deshalb verwirft die Kirche jede Diskriminierung eines Menschen oder jeden Gewaltakt gegen ihn um seiner Rasse oder Farbe, seines Standes oder seiner Religion willen, weil dies dem Geist Christi widerspricht. Und dementsprechend ruft die Heilige Synode, den Spuren der heiligen Apostel Petrus und Paulus folgend, die Gläubigen mit leidenschaftlichem Ernst dazu auf, daß sie „einen guten Wandel unter den Völkern führen“ (1 Petr 2,12) und womöglich, soviel an ihnen liegt, mit allen Menschen Frieden halten (14), so daß sie in Wahrheit Söhne des Vaters sind, der im Himmel ist (15).

Anmerkungen: 1) Vgl. Apg 17,26. 2) Vgl. Weish 8,1; Apg 14,17; Röm 2,6-7; 1 Tim 2,4. 3) Vgl. Apg 21,23f. 4) Vgl. 2 Kor 5,18-19. 5) Vgl. Gregor VII., Ep. III.,21 ad Anazir (Al-Nasir), regem Mauritaniæ, ed. E. Caspar in MGH, Ep. sel. II, 1920, I, 288, 11-15; PL 148, 451 A. 6) Vgl. Gal 3,7. 7) Vgl. Röm 11,17-24. 8)Vgl. Eph 2,14-16. 9) Vgl. Lk 19,44. 10) Vgl. Röm 11,28 11) Vgl. Röm 11,28-29; vgl. II. Vat. Konzil, Dogm. Konst. über die Kirche Lumen Gentium: AAS 57 (1965) 20. 12) Vgl. Jes 66,23; Ps 65,4; Röm 11,11-32. 13) Vgl. Joh 19,6. 14) Vgl. Röm 12,18. 15) Vgl. Mt 5,45. Quelle: http://www.vatican.va/
  

Eine der entscheidenden Aussagen der  Nostra Aetate  ist das Anerkenntnis und das Bedauern der Schuld, welche die Katholische Kirche insbesondere (aber nicht nur, man denke nur an die Ketzer- und Hexenverfolgung) gegenüber den Juden auf sich geladen hat. Über beinahe 2000 Jahre wurden die Juden als die Mörder des Gottessohnes gebranntmarkt, in Ghettos gesperrt, auf das Bösartigste schikaniert und immer wieder bei von Kirchenvertretern organisierten Progromen ermordet (nachzulesen beispielsweise in dem sehr empfehlenswerten Buch „Christen gegen Juden“ von Gerhard Czermak, Rowohlt-Verlag 1997, oder in der Kurzfassung ). Das Gemeinsame zwischen den Menschen wird über das Trennende gestellt. Die unveräusserlichen Menschenrechte werden zum ersten Mal in der Geschichte der Katholischen Kirche ausdrücklich anerkannt. Anderen Religionen will man fortan auf der Basis des gegenseitigen Respekts und der Toleranz begegnen. Das ganze Dokument ist von einem liberalen Geist der Aufklärung im allerbesten Sinne geprägt! Die Grundgedanken entsprechen in etwa denen von Gotthold Ephraim Lessing in „Nathan der Weise“ (sehr schön z.B. die Kinderbuchausgabe ).

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Benedikt XVI(rechts unten), Johannes Paul II (links unten), Johannes XXIII (Mitte oben),  Marcel Lefebvre (Mitte unten), Richard Williamson (rechts oben), Vatikan (links oben) und Nostra Aetate (Mitte)

All das lehnten Erzbischof Marcel Lefebvre und seine ultrakonservative Pius-Bruderschaft, ein Zusammenschluss von Priestern (aber auch einigen Laien) vehement ab. Das ist bis heute so geblieben.  Auf ihrem deutschen Internetauftritt (http://www.fsspx.info/news/)   liest sich das so: 

Mit dem Kreuzestod Christi ist der Vorhang des Tempels zerrissen, der Alte Bund abgeschafft, wird die Kirche, die alle Völker, Kulturen, Rassen und sozialen Unterschiede umfasst, aus der durchbohrten Seite des Erlösers geboren. Damit sind aber die Juden unserer Tage nicht nur nicht unsere älteren Brüder im Glauben, wie der Papst bei seinem Synagogenbesuch in Rom 1986 behauptete; sie sind vielmehr des Gottesmordes mitschuldig, so lange sie sich nicht durch das Bekenntnis  der Gottheit Christi und die Taufe von der Schuld ihrer Vorväter distanzieren. Im Gegensatz dazu behauptet das II. Vatikanum, man könne die Ereignisse des Leidens Christi weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen (§ 4).


Der hier ausdrücklich wieder erhobene Vorwurf an die Juden, Jesus den Sohn Gottes ermordet zu haben,diente beinahe über die gesamte Kirchengeschichte als Vorwand für die Judenverfolgungen. Religions- und Meinungsfreiheit werden grundsätzlich abgelehnt, wenn es heisst:  

 

Die vierte große Zeitbombe, die ins II. Vatikanische Konzil eingeschmuggelt worden ist, ist die Religionsfreiheit. Sie bedeutet nichts anderes als die Laisierung der Staaten und der Gesellschaft:

Im öffentlichen Bereich, so wird gesagt, d.h. in den Verfassungen, in den Parlamenten, in den Gerichtshöfen, in den Schulen, Krankenhäusern, Büros und Fabriken hätten alle Religionen gleiches Recht; keine dürfe beschränkt oder gar verboten werden, so lange sie sich nicht als gemeingefährlich erweise. Und dies sei ein Naturrecht, gegründet auf der Würde der menschlichen Person. Dazuhin, so behauptet man, sei der Staat inkompetent in religiösen Fragen; er könne von sich aus gar nicht wissen, welches die wahre Religion sei. Man lehrt also von kirchlicher Seite ausdrücklich den staatlichen Agnostizismus. Hier der Text des II. Vatikanums: „Das Vatikanische Konzil erklärt, dass die menschliche Person das Recht auf Religionsfreiheit hat. Diese Freiheit besteht darin, dass alle Menschen von jedem Zwang frei sein müssen, sowohl von Seiten Einzelner

wie von Gruppen in der Gesellschaft wie von jeglicher menschlichen Gewalt, und zwar in der Weise, dass in religiösen Dingen niemals jemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, und nicht daran gehindert wird, privat und öffentlich, als Einzelner oder in Verbindung

mit Anderen nach seinem Gewissen zu handeln, innerhalb der gebührenden Grenzen. Ferner erklärt das Konzil, das Recht auf Religionsfreiheit sei in Wahrheit auf die Würde der menschlichen Person

selbst gegründet, so wie sie durch das geoffenbarte Wort Gottes und auch durch die Vernunft selbst erkannt wird“ (§ 2).

Dass der Mensch nicht gezwungen werden kann und darf, eine gewisse Religion anzunehmen, ist völlig klar und wurde von der Kirche stets gelehrt (vgl. Can. 1351, CIC 1917). Auch in den privaten Bereich hat der Staat nicht einzugreifen. Doch etwas anderes ist es, im öffentlichen Bereich die Anhänger falscher Religionen daran zu hindern, ihre religiösen Überzeugungen durch öffentliche Kundgebungen, Missionierungsarbeit und Errichtung von Gebäuden für ihren falschen Kult in die Tat umzusetzen. Denn ist Jesus Christus der einzige Gott und sein Kreuz die einzige Heilsquelle, so muss dieser Alleinvertretungsanspruch in der Gesellschaft so weit wie nur möglich und im Rahmen des klugen Abmessens der Staatsoberhäupter geltend gemacht werden. Nur die

Wahrheit hat ein (Natur-) Recht, der Irrtum nie und nirgends. Oder hat etwa der Islam ein Naturrecht darauf, Moscheen zu bauen? So ist die Ablehnung der Religionsfreiheit im oben angegebenen Sinn ein machtvoller Schutz für die Seelen, die sonst unablässig der Propaganda der

Sekten und den Eroberungsfeldzügen der nichtchristlichen Religionen mehr oder weniger schutzlos ausgesetzt sind.

Der Behauptung der Freigeister in der Kirche, der Staat müsse neutral sein, er sei inkompetent in Sachen Religion, stellen wir die zwei Aussagen des hl. Paulus gegenüber: „Omnia in ipso constant“ (Kol 1, 17) – alles, auch Regierungen und die öffentliche Ordnung, hat in Ihm Bestand. Und die

andere: „Oportet illum regnare“ (1 Kor 15,25): Er soll herrschen! Weil die Regierungen nicht mehr in ihm bestehen, deshalb fallen sie; weil eine gottlose Horde schreit: „Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche“ (Lk 19, 14), weil nicht mehr anerkannt wird, dass in keinem anderen Namen Heil ist (Apg 4, 12), deshalb schlittern wir von Krise zu Krise in Politik, Wirtschaft, Erziehungswesen, im Sozialbereich, auf moralischer Ebene, im künstlerischen Schaffen, in der Achtung der Autorität. Jesus Christus herrscht nicht mehr. Er hat allenfalls ein Mitdaseinsrecht neben Buddha, Mohammed und irgendwelchen Sektenführern; aber er ist nicht mehr der König des Denkens und der König der Herzen. Mit Entschiedenheit haben die Päpste bis zu Pius XII. eine solche Lästerung Unseres Herrn zurückgewiesen. Papst Pius IX. nennt in der Enzyklika „Verkehrte Meinung und Lehre“, die er kraft seiner apostolischen Pflicht und Sorge um den heiligsten Glauben, um die rechte Lehre, um das Heil der Seelen und kraft seiner apostolischen Vollmacht

zurückweise, verbiete und verdamme, und er wolle, dass alle Söhne der katholischen Kirche sie durchaus als zurückgewiesen, verboten und verdammt ansähen. Und im schon erwähnten Syllabus (Zusammenfassung) sind folgende zwei Irrtümer bezüglich der Religionsfreiheit verurteilt:

Satz 77: „In unserer Zeit geht es nicht mehr an, die katholische Religion als einzige Religion eines Staatswesens anzuerkennen unter Ausschluss aller übrigen Arten von Gottesverehrung.“

Satz 78: „Daher ist es lobenswert, wenn in gewissen katholischen Ländern gesetzlich vorgesehen wird, dass die Einwanderer öffentlich ihre eigene Religion, welcher Art sie auch sei, ausüben dürfen.“

Hand in Hand mit der Religionsfreiheit geht die Verkündigung einer grenzenlosen Gewissens- und schrankenlosen Meinungsfreiheit, konkretisiert und unablässig eingefordert in der so genannten Mündigkeit der Christen. Was Wunder, wenn die Gläubigen mit Berufung auf ihr subjektives Gewissen protestieren wie bei der Verkündigung der Enzyklika

gewissen Bischofsernennungen! Wer Wind sät, der wird Sturm ernten. Wer Zeitbomben legt, der muss wissen, dass sie eines Tages explodieren. …

Quelle: http://www.fsspx.info/media/pdf/Begleitschreiben.pdf#page=11 (Die entscheidenden Aussagen sind rot hervorgehoben.)

Die wichtigen Errungenschaften der Aufklärung: Menschenrechte, Redefreiheit, Religionsfreiheit und Demokratie  werden von den Pius-Brüdern verworfen.Ebenso lehnen sie jedwede Verständigung mit Andersgläubigen ab. Offenbar schwebt der Organisation ein christlich-autoritärer Staat vor, also eine Art Theokratie (Gottesherrschaft), wo die Staatsgewalt allein religiös begründet ist. Anderen Weltanschauungen wird kein Existenzrecht eingeräumt, denn sie gelten als Bedrohung für den rechten Glauben.

Seit ihrer Gründung äusserten sich Vertreter der Pius-Bruderschaft, einschliesslich ihres Gründers, immer wieder lobend über rechsorientierte diktatorische Regime, wie die ehemaligen Militärdiktaturen in Argentien, Chile oder Spanien, wo Andersdenkende vielfach im Gefängnis landeten oder sogar ermordet wurden. Auch der Führer der rechtsextremen Front National (FN) in Frankreich, Jean-Marie Le Penm genoss von Anfang an grosse Sympathien.

Schliesslich besteht die Priesterbruderschaft auch darauf, die sogenannte „Heilige Messe“, also den Gottesdienst nach altem Ritus in lateinscher Sprache zu halten. Offenbar hält man es bei den Pius-Brüdern für unnötig, dass die Gläubigen die Inhalte der gehaltenen Predigten verstehen!  Die “Neue Messe“ der Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils enthält nach den Worten Erzbischof Lefebvres „ein für den Glauben schädliches Gift“. Ob damit das bei Verstehen der Predigttexte mögliche Nachdenken über die Inhalte gemeint ist?

Jens Christian Heuer

Kurznotizen: China gegen Protektionismus – Deutsche Wirtschaft

In Jens Christian Heuer, Kurznotizen, Makroökonomie, Politik on 2. Februar 2009 at 22:11

Protektionismus bedroht China

Weltweit sinkt infolge der Wirtschaftskrise die Nachfrage und immer mehr Staaten liebäugeln mit protektionistischen Massnahmen dagegen. So zuletzt auch die USA (siehe Welthandel in Gefahr!). Für Exportnationen wie China bedeutet diese Entwicklung nichts anderes als eine Katastrophe! Der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao sprach sich daher, nach einem Treffen mit dem britischen Premierminister Gordon Brown am Montag in London, im Kampf gegen die Wirtschaftskrise für eine internationale Zusammenarbeit aus und warnte vor einer Rückkehr zum Protektionismus. Um der Wirtschaftskrise zu begegnen, hat China bereits Ende letzten Jahres ein keynesianisches Konjunkturprogramm in Höhe von umgerechnet 450 Milliarden Euro verabschiedet, das durchaus auch anderen exportierenden Handelsnationen wie etwa Deutschland zugute kommt. Das Wirtschaftswachstum in China war nämlich schon im 4. Quartal 2008 um 2,2 auf 6,8% zurückgegangen. Für das laufende Jahr wird sogar nur noch mit einem Wirtschaftswachstum von 5% gerechnet. 26 Millionen Wanderarbeiter sind schon jetzt durch den enormen Exportrückgang arbeitslos geworden. Auch in den Städten gibt es inzwischen Millionen Arbeitslose. Die chinesische Regierung rechnet angesichts dieser Entwicklung mit landesweiten Unruhen. Um dem Einhalt zu gebieten, denkt die chinesische Regierung bereits über ein weiteres Konjunkturprogramm nach. 

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Gemeinsam gegen Protektionismus: Wen Jiabao und Angela Merkel Quelle: http://www.zimbio.com/ 

Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel warnte ausdrücklich vor den Gefahren des Protektionismus. Bei einem Treffen mit dem chinesischen Ministerpräsidentensprach Wen Jiabao, der vor Großbritannien auch Deutschland besuchte, verabredeten beide Regierungschefs den Handel zwischen Deutschland und China mindestens auf dem Vorjahresniveau zu halten und wenn möglich sogar noch auszubauen.
Quellen: http://www.spiegel.de/, Reuters

 

Mehr Arbeitslose in Deutschland

Die Lage auf dem Arbeitsmarkt hat sich im Januar durch die Wirtschaftskrise, aber auch durch den ungewöhnlich kalten Winter deutlich verschlechtert. Die Arbeitslosigkeit stieg gegenüber Dezember 2008 um 387.000 auf 3,489 Millionen. Verglichen mit dem Januar 2008 waren  es aber noch 170.000 weniger. Die Arbeitslosenquote liegt nun bei 8,3% (+0,9% im Vergleich zum Vormonat).

 

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Die Arbeitlosigkeit in Deutschland hat deutlich zugenommen, auch wenn man die saisonbereinigten Zahlen (rote Kurve) zugrunde legt. Quelle: http://www.pub.arbeitsamt.de/hst/services/statistik/000000/html/start/index.shtml

Nach Ansicht der Bundesagentur für Arbeit (BA) ist nun allerdings der Trend zu mehr Beschäftigung gebrochen! Der jahrelange Beschäftigungsaufbau ist laut BA beendet. Die Arbeitslosigkeit könnte bis ins Jahr 2010 weiter ansteigen und dabei bereits Ende 2009 die 4 Millionen Grenze wieder überschreiten.

Quelle: Reuters

 

Geschäftsklima in Deutschland leicht verbessert

Eine positive Überraschung gab es beim monatlichen IFO-Index für das Geschäftsklima in Deutschland. Der Index wird aus Befragungen über die aktuelle Geschäftslage und die erwartete Entwicklung der nächsten 6 Monate berechnet. Nach einer drastischen Abwärtsbewegung im vergangenen Jahr ist der Index nun wieder leicht gestiegen, befindet sich aber nach wie vor auf einem sehr niedrigen Niveau.

 

geschaftsklima-jan-2009

Bessere Aussichten für die deutsche Wirtschaft?  Quelle: http://www.cesifo-group.de/portal/page/portal/ifoHome

Die augenblickliche Geschäftslage wurde von den Unternehmen sogar noch schlechter bewertet als im Vormonat. Die Zukunftaussichten sahen sie allerdings wieder etwas optimistischer. Dies könnte schon auf einem ersten psychologisch günstigen Effekt durch das gerade erst beschlossene Konjunkturprogramm beruhen. Trotzdem: Die Unternehmen lasten ihre Geräte und Maschinen erheblich weniger aus als noch im Herbst des letzten Jahres und planen auch, Personal abzubauen.

Quelle: http://www.cesifo-group.de/portal/page/portal/ifoHome

Mehr über das keynesianische Programm gegen Wirtschaftskrisen hier: Die Allgemeine Theorie des John-Maynard Keynes

Jens Christian Heuer

Welthandel in Gefahr!

In Jens Christian Heuer, Politik on 30. Januar 2009 at 22:58

Das  über 800 Milliarden Dollar teure Konjunkturprogramm der Regierung Obama soll ausländischen Firmen möglichst nicht zugute kommen. Der US-amerkanische Kongress plant eine Klausel, nach der bei den geplanten Infrastrukturmassnahmen nur Stahl und Eisen aus US-Produktion eingesetzt werden soll. barack-obama-steel Ausnahmen gibt es danach nur bei Lieferengpässen oder aber wenn die Kosten durch den Ausschluss ausländischer Lieferanten um mehr als 25%  steigen.  Weiterhin dürfen alle eingesetzten Materialien und Ausrüstungsgegenstände nur aus US-amerikanischer Produktion stammen. Diese geplante Einschränkung des freien Handels im Zusammenhang mit dem amerikanischen Konjunkturprogramm dürfte verhängnisvolle Folgen haben, denn andere Länder könnten mit ebenfalls protektionistischen Gesetzen antworten. Ein Wettlauf gegenseitiger wirtschaftlicher Abschottung bei dem jede Nation sich auf Kosten der anderen vor der Wirtschaftskrise zu retten versucht, würde den Welthandel massiv behindern oder sogar zusammenbrechen lassen. Weltweit würde vielen Menschen so die Möglichkeit genommen, sich durch den Verkauf ihrer Produkte und Dienstleistungen den Lebensunterhalt zu verdienen. Das träfe die Ärmsten der Armen besonders hart. Die Nachfrage, welche man ja gerade durch Konjunkturprogramme stützen will, würde durch einen sich ausbreitenden Protektionismus weltweit massiv eingeschränkt.

Das Freihandel für alle Beteiligten mehr Wohlstand bringt zeigte bereits David Ricardo (1772-1823) mit seinem Gesetz der „Komparativen Kostenvorteile“: Indem sich  ein Land auf die Waren mit dem vergleichsweise (komparativenricardogrössten Kostenvorteil spezialisiert, kann es davon (in der durch den Verzicht auf die Herstellung nicht ganz so kostengünstiger Waren eingesparten Zeit) überproportional viel  herstellen. Mit den dabei erzielten Überschüssen können dann wiederum die fehlenden Waren von anderen Ländern gekauft werden. Dabei erhält das Land wegen seines komparativen Kostenvorteils im Austausch deutlich mehr, als wenn es die betreffende Ware selbst hergestellt hätte. Diesen Wohlstandszuwachs erzielen alle am Handel Beteiligten. Dies gilt selbst dann, wenn ein Land gegenüber anderen Ländern bei allen Waren Kostenvorteile hat. Es genügt, dass diese Vorteile bei unterschiedlichen Waren unterschiedlich gross sind. Das ist der Grund dafür, dass grundsätzlich  auch die wirtschaftlich schwächeren Länder immer vom Freihandel profitieren, der eine wohlstandsmehrende internationale Arbeitsteilung überhaupt erst möglich macht! Der Freihandel verbessert übrigens auch  die Arbeitsbedingungen weltweit: Der Grund ist einfach zu verstehen: Mit zunehmendem internationalen Handel steigt die Nachfrage, auch nach Waren ärmerer Länder. Vorort werden dann mehr Arbeitskräfte gesucht. Wer welche bekommen will, muss schon etwas bieten! Ein zunehmender Wettbewerb  zwischen ansässigen Unternehmen um Arbeitskräfte verbessert also tendenziell die allgemeinen Arbeitsbedingungen. 

Die bessere Alternative sind also nationale Konjunkturprogramme gegen die Wirtschaftskrise von denen auch das jeweilige (exportierende) Ausland profitiert. Ein derartiges  internationales „Geschäft“ auf Gegenseitigkeit zwischen den Handelsnationen würde helfen, den Welthandel aufrecht zu erhalten, der ja nicht nur den Wohlstand mehrt, sondern auch der Völkerverständigung dienlich ist. Die Bewahrung und Förderung des freien Welthandel ist allein genommen schon ein höchst effektives Konjunkturprogramm!

Unterdessen stiessen die protektionistischen Klauseln des US-amerikanischen Konjunkturprogramms auf scharfe Kritik bei Vertretern der Europäischen Union und Kanadas, die darin eine Verletzung des internationalen Freihandelsabkommens sehen Auch Vertreter der US-Handelskammer warnten vor Einschränkungen des freien Handels, die auch den amerikanischen Arbeitern am Ende nur schaden würden.

Jens Christian Heuer

Quellen: http://www.spiegel.de/, http://www.n-tv.de/, Reuters, AFP

Europa in der Liquiditätsfalle

In Jens Christian Heuer, Makroökonomie on 27. Januar 2009 at 22:33

Seit gut einem Jahr geht es weltweit eindeutig mit der Wirtschaft bergab. Die Europäische Zentralbank hat nach längerem Zögern innerhalb der letzten Monate (seit Oktober 2008) den Leitzinssatz, zu dem sich die Geschäftsbanken Geld leihen können, in mehreren Schritten deutlich abgesenkt. Das soll den Geschäftsbanken die Möglichkeit geben, durch vermehrte Kreditvergabe zu gleichzeitig günstigeren Zinssätzen mehr Geld in Umlauf zu bringen und so Investitionen und Konsum (und damit die Wirtschaft) anzukurbeln. Der niedrigere Zinsatz setzt sich am Markt durch, weil mit dem zusätzlichen Geld auch vermehrt festverzinsliche Wertpapiere gekauft werden. Wegen der erhöhten Nachfrage steigen die Kurse, wodurch die Realverzinsung der Werpapiere abnimmt. Soweit die  Theorie, welche im Allgemeinen in der Praxis auch gut funktioniert.

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Talfahrt der Weltwirtschaft Quelle: http://www.cesifo-group.de/portal/page/portal/ifoHome

Doch in der augenblicklichen Wirtschaftskrise läuft es leider ganz anders! Banken und Sparkassen geben die günstigen Zinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) weder an ihre Privatkunden noch an ihre Geschäftskunden weiter:

Die Zinsen für Dispositionskredite (Überziehungskredite) und Ratenkredite an Privatpersonen sind trotz deutlicher Leitzinssenkung durch die EZB seit dem letzten Jahr nicht zurückgegangen, sondern sogar gestiegen. Vor einem Jahr lag der Leitzins noch bei 4%, wurde dann aber Schritt für Schritt bis auf 2% gesenkt. 

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Die Leitzinssätze der Europäischen Zentralbank (EZB) und der amerikanischen Federal Reserve (FED, amerikanische Zentralbank) im Vergleich. Die FED reagierte wesentlich schneller auf den vor einem Jahr einsetzenden Wirtschaftsabschwung als die EZB. Quelle: http://www.leitzinsen.info/

Der durchschnittliche Zinssatz für Dispositionskredite stieg dagegen im selben Zeitraum von 12,20% auf 12,33% . Einige Banken wie z.B. die Commerzbank mit 14,73% erhöhten ihn sogar noch mehr. Bei Ratenkrediten über 5000 Euro mit 5 Jahren Laufzeit stieg der durchschnittliche Zinssatz von  8,23% auf 8,54%. Die Zinsen für Spareinlagen jedoch, wurden nach den Leitzinssenkungen der EZB dementsprechend angepasst, also abgesenkt. Der Zinsunterschied zwischen Geldverleih an Konsumenten (höherer Zinssatz) und Geldbeschaffung von den Sparern (niedrigerer Zinssatz) ist somit grösser geworden. Durch diese Ausweitung der Zinsspanne versuchen die Banken und Sparkassen, ihre durch Fehlspekulation entstandenen Verluste und Abschreibungen auszugleichen. Ein weiter Grund für die anhaltend hohen Zinsen bei Konsumentenkrediten ist das erhöhte Ausfallrisiko: Wegen der durch die Wirtschaftskrise zunehmenden  Arbeitslosigkeit können Schuldner ihre Kredite häufig nicht mehr zurückzahlen. Der trotz Leitzinssenkung der EZB diesmal ausbleibende (normalerweise ja zu erwartende) Rückgang der Zinssätze für Konsumentenkredite verhindert die eigentlich mit der Senkung des Leitzinssatzes beabsichtigte Stärkung der Nachfrage.

Wegen der unsicheren Absatzchancen aufgrund der Wirtschaftskrise zögern natürlich viele Unternehmen zu investieren, trotz niedriger Zinsen!  Aus demselben Grund vergeben viele Banken auch nur sehr zurückhaltend Kredite an ihre Geschäftskunden, also an (trotz alledem) noch investitionswillige Unternehmen. Durch diese Kreditklemme geht die Investitionsnachfrage  zurück.

Die Leitzinssenkung der EZB bleibt durch die geschilderten Effekte wirkungslos, kann also die europäische Wirtschaft nicht ankurbeln. Eine klassische Liquiditätsfalle, wie Keynes sie beschrieben hat, wo nur noch ein  Nachfrageimpuls durch den Staat über eine zusätzliche Neuverschuldung weiterhelfen kann. Die wichtigsten Staaten der Europäischen Union haben  inzwischen auch reagiert und Konjunkturprogramme aufgelegt. 

Jens Christian Heuer

Quelle: http://www.handelsblatt.com/

Mehr über Keynes hier: Die Allgemeine Theorie des John-Maynard Keynes

Kurznotizen: Konjunkturprogramm für Deutschland

In Jens Christian Heuer, Kurznotizen, Politik on 24. Januar 2009 at 07:30

Konjunkturpaket I

Das immer wieder als Geldverschwendung oder als zu zaghaft kritisierte Konjunkturpaket der grossen Koalition wird nach einer Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI, http://www.rwi-essen.de/) schon im Jahre 2009 deutlich positive Auswirkungen auf Wachstum und Beschäftigung  in Deutschland zeigen. Der Wachstumsimpuls soll bei 0,5 % liegen, wodurch rund 125.000 Arbeitsplätze erhalten bleiben oder neu entstehen. Im Folgejahr 2010 könnten es bei einem weiteren Impuls von 0,3% sogar 267.000 Arbeitsplätze sein. bild_181

Konjunkturlokomotive nach Anschub bald wieder in Fahrt? Quelle: http://www.technikmuseum-online.de/

Die Auswirkungen des Konjunkturpakets berechnete das RWI im Vergleich zu einem Szenario ohne staatliche Eingriffe mit einem Minuswachstum von 2%. Die Allgemeine Theorie des John Maynard Keynes (vgl. http://keynesianismus.wordpress.com/2008/12/12/die-allgemeine-theorie-des-john-maynard-keynes/) besteht also, entgegen allen Befürchtungen, vielleicht doch am Ende den Praxistest!? Das wäre dann der erste Silberstreif am Horizont in der Weltwirtschaftskrise!

Quelle: http://www.manager-magazin.de/

 

Konjunkturpaket II

Die Abwrackprämie, der umstrittenste Bestandteil des bundesdeutschen Konjunkturpakets, stösst auf unerwartet grosses Interesse. Allein am Montag  gab es 270.000 Anrufe beim zuständigen Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa), am Dienstag waren es noch einmal 150.000. Die Experten waren von dem Ansturm total überfordert, so dass es den meisten Anrufern nicht gelang zu ihnen durchzukommen. Die wichtigsten Informationen können Interessenten aber auf der Homepage der Bafa unter http://www.bafa.de nachlesen. Auch die Autoverkäufe selbst haben seit dem Inkrafttreten der Abwrackprämie deutlich angezogen. 

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Nachfrageschub durch die Abwrackprämie, vor allem für Kleinwagen von VW und Renault  Quelle:  http://autoplenum.de

Gefragt waren zunächst vor allem Kleinwagen der Marken Volkswagen und Renault. Nach Umfragen werden bei 57% der Neuwagenkäufe in Zusammenhang mit der Abwrackprämie auf deutsche Fabrikate entfallen!

Quellen: http://www.spiegel.de/, http://www.welt.de/

 

Konjunkturpaket III

Immer wieder wird gegen das deutsche Konjunkturprogramm der Einwand erhoben, es käme mehr der Wirtschaft im Ausland als in Deutschland zugute, denn Deutschland sei schliesslich vor allem vom Export abhängig und darüber hinaus würden die Massnahmen des Konjunkturpakets auch ausländischen Firmen helfen. Als Beispiel wird immer wieder die  Abwrackprämie genannt. Meine Einschätzung dazu: Wir sind tatsächlich eine Exportnation. Die deutsche Exportquote liegt immerhin bei  40%; eine wirklich beeindruckende Zahl! Das heisst andererseits aber auch, dass die restlichen 60% auf den Binnenmarkt entfallen! Und dem kommt das Konjunkturpaket nun einmal in erheblichem Ausmass zugute! Natürlich profitiert auch das exportierende Ausland. Das ist aber auch völlig in Ordnung, denn schliesslich helfen die von den anderen grossen Wirtschaftsnationen schon längst vorher beschlossenen Konjunkturprogramme  auch der deutschen Wirtschaft weiter und zwar nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer hohen Exportquote! Indem alle Handelsnationen sich durch ein keynesianisches Konjunkturprogramm um ihren Binnenmarkt kümmern, wovon natürlich auch das jeweilige exportierende Ausland etwas hat, wird der Welthandel (mit etwas Glück) in Gang gehalten und so vor einem Zusammenbruch bewahrt, wie er sich während der Weltwirtschaftskrise in den dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts ereignete. Das ist allemal besser, als eine Flucht in den Protektionismus (wie damals) mit all den verhängnisvollen Folgen für Wirtschaft, Wohlstand und Völkerverständigung!

Mehr über das deutsche Konjunkturprogramm hier: Das Konjunkturprogramm der Grossen Koalition

Jens Christian Heuer

Fidel Castro zum Amtsantritt von Barack Obama

In Jens Christian Heuer, Meinung, Politik on 23. Januar 2009 at 13:20

Der vor einiger Zeit aus Gesundheitsgründen zurückgetretene ehemalige Präsident Kubas, Fidel Castro hat auf den kubanischen Internetseiten http://www.cubadebate.cu/  und http://emba.cubaminrex.cu/Default.aspx?tabid=8887 (Kubanische Botschaft in Deutschland, deutsche Übersetzung), wo er desöfteren seine Gedanken (Reflektionen) zum politischen Weltgeschehen veröffentlicht, eine bemerkenswert wohlwollende Stellungnahme zum Amtsantritt des neuen amerikanischen Präsidenten Barack Obama abgegeben. Unter dem Titel „Der 11. Präsident der Vereinigten Staaten“ schreibt er:

Am letzten Dienstag, 20. Januar 2009, übernahm Barack Obama als elfter Präsident der Vereinigten Staaten seit dem Sieg der Kubanischen Revolution im Januar 1959 die Führung des Imperiums.

Niemand könnte die Aufrichtigkeit seiner Worte bezweifeln, wenn er ankündigt, dass er sein Land in ein Modell für Freiheit und Achtung der Menschenrechte in der Welt und für die Unabhängigkeit anderer Völker verwandeln wird. fidel-castro Das beleidigt natürlich fast niemanden außer den Menschenfeinden in allen Winkeln des Planeten. Er kündigte bereits gelassen an, dass das Gefängnis und die Folterungen im illegalen Stützpunkt von Guantánamo unverzüglich beendet werden, was Zweifel bei denjenigen hervorzurufen beginnt, die den Terror als unverzichtbares Instrument der Außenpolitik ihres Landes verehren.

Der kluge und gutmütige Gesichtsausdruck des ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten seit ihrer Gründung als unabhängige Republik vor zweieindrittel Jahrhunderten hatte sich unter der Inspiration von Abraham Lincoln und Martin Luther King wie von selbst verwandelt, bis er zum lebenden Symbol des amerikanischen Traumes wurde.

Ungeachtet aller durchstandenen Prüfungen ist Obama der wichtigsten von allen noch nicht unterzogen worden. Was wird er demnächst tun, wenn die unermessliche Macht, die er in seine Hände genommen hat, absolut nutzlos sein wird, um die unlösbaren antagonistischen Widersprüche des Systems zu überwinden?

Wie ich es mir für dieses Jahr vorgenommen hatte, habe ich die Reflexionen mit der Absicht eingeschränkt, mich weder einzumischen, noch die Genossen der Partei- und Staatsführung bei ihren ständigen Entscheidungen zu stören, die sie aufgrund der objektiven, aus der Weltwirtschaftskrise abgeleiteten Schwierigkeiten treffen müssen. Es geht mir gut, aber ich bestehe darauf, dass sich keiner von ihnen wegen meiner eventuellen Reflexionen, meines erschwerten gesundheitlichen Zustands oder meines Todes kompromittiert fühlen soll.

Ich überarbeite die Reden und die von mir im Laufe von mehr als einem halben Jahrhundert ausgearbeiteten Materialien.

Ich habe das eigenartige Privileg gehabt, so lange Zeit die Ereignisse zu beobachten. Ich bekomme Information und stelle in aller Gelassenheit Überlegungen bezüglich der Geschehnisse an. Ich erwarte, über dieses Privileg in vier Jahren nicht mehr verfügen zu können, wenn die erste Präsidentschaftsperiode von Obama abgeschlossen sein wird.

 Fidel Castro Ruz

 Quelle: http://emba.cubaminrex.cu/Default.aspx?alias=emba.cubaminrex.cu/bonnal

Fidel Castro regierte Kuba von 1959, dem Jahr der erfolgreichen Revolution gegen den Diktator Batista bis zum Jahre 2008, als er wegen seiner angeschlagenen Gesundheit zugunsten seines Bruders Raul Castro von allen Ämtern zurücktrat. Seitdem zeigte er sich nur noch selten in der Öffentlichkeit.  

Die Revolution bescherte den Kubanern eine sozialistische Republik mit einem für Latein- und Mittelamerika (und für ein Entwicklungsland)beispiellos gut entwickeltem Bildungs- und Gesundheitssystem:  Analphabetismus und Kindersterblichkeit wurden besiegt, die Lebenserwartung auf Kuba ist mit über 77 Jahren  mittlerweile in etwa so hoch wie in den westlichen Industriestaaten(Zum Vergleich: In den beiden Nachbarländern Haiti und Dominikanische Republik liegt die Lebenserwartung bei nur 57 bzw. 68 Jahren, in den USA bei 78 Jahren, in Russland bei knapp unter 66 Jahren und in Deutschland bei 79 Jahren!). Fidel Castros nach der Revolution gegebenes Versprechen demokratischer Wahlen wurde aber nie eingelöst. Oppositionelle verschwanden immer wieder jahrelang als politische Gefangene in den Gefängnissen, obwohl in der kubanischen Verfassung die Redefreiheit ausdrücklich garantiert ist. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch wiederholte Versuche der USA, Fidel Castro zu stürzen (und sogar zu ermorden), um so die sozialistische Entwicklung auf Kuba rückgängig zu machen. Durch eine schon viele Jahrzehnte anhaltende US-amerikanische Wirtschaftsblockade, aber auch durch eigene Fehler (Unterdrückung der freien Märkte) lief und läuft die kubanische Wirtschaft in vielen Bereichen sehr schlecht.

Jens Christian Heuer

Kurznotizen: Obama schliesst Guantanamo!

In Jens Christian Heuer, Kurznotizen, Politik on 22. Januar 2009 at 22:03

Obama schliesst Guantanamo

Barack Obama hat eines seiner wichtigsten Wahlversprechen eingelöst. Durch einen präsidialen Erlass schloss er heute das extralegale Gefangenenlager in Guantanamo Bay auf Kuba, wo Personen, die von der amerikanischen Regierung des  Terrorismus  verdächtigt wurden, schon jahrelang ohne Prozess festgehalten und oft auch misshandelt werden. Militär und Geheimdienste haben 1 Jahr Zeit das lager zu schliessen. Innerhalb dieser Zeitspanne soll der überwiegende Anteil unschuldiger Gefangener freigelassen und ihnen eine Rückkehr in ihre Heimatländer ermöglicht werden. Bei Personen, gegen die handfeste Verdachtsmomente vorliegen, werden Gerichtsverfahren nach rechtsstaatlichen Prinzipien vorbereitet.

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In Guantanamo werden auch viele Unschuldige schon seit Jahren unter menschenunwürdigen Bedingungen festgehalten. Quelle: dpa

Mit einem zweiten Erlass will Obama auch alle, über die Welt verteilten CIA-Geheimgefängnisse schliessen und Folter in jeder Form ausdrücklich verbieten. Ein guter Tag für Rechtsstaat, Demokratie und  Menschenrechte!!

Quellen: Reuters,  http://www.spiegel.de/, http://www.ftd.de/

Jens Christian Heuer

Zweite Erde schon gefunden?

In Jens Christian Heuer, Neue Horizonte, Wissenswertes on 20. Januar 2009 at 07:15

Im Juni 2008 entdeckte ein internationales Astronomenteam unter Leitung von David Bennett mit der Microlensing - Methode einen 3000 Lichtjahre entfernten Planeten von nur 3,3 Erdmassen, eine felsige, sogenannte „Supererde“, die einen Braunen Zwerg umkreist, also einen mangels Masse (nur 6-8% der Masse unserer Sonne)gescheiterten Stern, welcher das Kernfusionsfeuer nicht entfachen konnte (http://www.newscientist.com/article/dn14038-smallest-planet-weighs-just-three-earths.html). Die Beobachtung gelang gleichzeitig mit dem Astrophysics (MOA) II Telescope in Neuseeland und unabhängig davon mit dem Very Large Telescope (VLT) in Chile (Microlensing-Ereignis MOA‐2007‐BLG‐192).  

Die Microlensing – Methode basiert auf der Allgemeinen Relativitätstheorie Albert Einsteins, nach der eine Masse in Abhängigkeit von ihrer größe die umgebende Raumzeit krümmt und daher auch Lichtteilchen (Photonen) ablenken kann, obwohl sie masselos sind.

Das Licht eines weit entfernten kann also durch einen näher gelegenen Stern abgelenkt werden. Befinden sich beide Sterne in einer Sichtlinie, so wirkt der Vordergrundstern als Sammellinse für das Licht des Hintergrundsterns. Durch diesen Gravitationslinseneffekt wird der sichtbare, weiter entfernte Hintergrundstern vorübergehend heller.

Handelt es sich bei dem Vordergrundstern um einen Einzelstern ohne Planeten, dann erhält man eine symmetrische Lichtkurve, weil die Helligkeit des Hintergrundsterns gleichmässig zu- und wieder abnimmt.

Wird der Vordergrundstern aber von einem Exoplaneten begleitet, so zeigt die Lichtkurve noch ein weiteres „aufgesetztes“ kleines Helligkeitsmaximum, das vor oder nach dem Hauptmaximum liegt, je nachdem auf welcher Seite des Sterns sich der Planet gerade befindet. Mit dieser Methode lassen sich auch sehr kleine Exoplaneten aufspüren. Allerdings müssen sehr viele Sterne beobachtet werden, um fündi zu werden, da Microlensing-Eregnisse mit zwei genau in einer Sichtlinie zur Erde liegenden Sternen relativ selten sind.  

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Durch Microlensing lassen sich im Gegensatz zu anderen Methoden auch kleine Exoplaneten in der Grössenordnung der Erde aufspüren. Quelle:   http://bustard.phys.nd.edu/MPS/index.html

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Der Exoplanet erzeugt ein weiteres kleines Helligkeitsmaximum neben dem grossen Helligkeitsmaximum des Linsensterns im Vordergrund. Quelle: https://www.llnl.gov/str/

Eine neue Analyse des Microlensing-Ereignisses MOA‐2007‐BLG‐192 deuten nun aber auf eine größere Masse des Vordergrundsterns hin (http://www.newscientist.com/article/dn16439-smallest-known-exoplanet-may-actually-be-earthmass.html). Statt um einen Braunen Zwerg handelt es sich wohl doch eher um einen Roten Zwergstern, also um einen echten Stern mit funktionierender Kernfusion! Um die gemessene Lichtkurve zu erklären, muss die Masse des Exiolaneten aber deutlich heruntergerechnet werden und man erhält einen Planeten von nur noch sage und schreibe 1,4 Erdmassen!!! Könnte es die lang gesuchte ZWEITE ERDE sein? Von der Größe her auf jeden Fall, da wäre er äußerlich von der Erde kaum zu unterscheiden. Die Umlaufbahn ist ebenfalls recht günstig, denn der Exoplanet umrundet seinen allerdings vergleichsweise nur sehr schwach leuchtenden Zentralstern in etwa der Ebtfernung wie die Venus unsere Sonne. Dieser Abstand ist groß genug, daß es nicht zu einer gebundenen Rotation des Exoplaneten kommt, der ansonsten seinem Stern immer dieselbe Seite zuwenden würde, was nicht gerade günstig für das dann dort herrschende Klima wäre. Der Planet empfängt allerdings deutlich weniger Wärme als die Erde und könnte daher tiefgefroren sein. Aber der Planet ist als „kleine Supererde“ auch um immerhin 40% schwerer. Das führt höchstwahrscheinlich zu einer stärkeren Plattentektonik und damit auch zu einer dichteren Atmosphäre, die besser die Wärme halten kann. Zudem ist der Planet groß genug, um viele Kometen einzufangen, wodurch sich wahrscheinlich Ozeane bilden konnten. Also vielleicht doch die erste ZWEITE ERDE!?

Stichwort Exoplaneten: Exoplaneten sind Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems, denn sie umkreisen  nicht unsere, sondern eine andere Sonne. Sie gehören also zu einem fremden Planetensystem um einen fremden Stern. Die Bildung von Planeten ist eine normale Begleiterscheinung bei der Sternentstehung und läuft in etwa so ab: 

Eine interstellare Wolke (Durchmesser ca. 1Lichtjahr) aus Gas (99%) und Staub (1%) kollabiert unter dem Einfluss ihrer eigenen Schwerkraft, zieht sich zusammen, beginnt zu rotieren, wird dabei immer schneller (wegen der Erhaltung des Drehimpulses) und im Zentrum immer dichter und wärmer bis sich schliesslich ein Stern bildet. Durch die Rotation formt sich eine Scheibe, die sich langsam abkühlt, so dass es zu Kondensationsvorgängen kommt, wobei die vielen Staubteilchen  als Kondensationskerne wirken. Die schwerer werdenden Staubteilchen sinken durch die Schwerkraft und die Bremswirkung des Gases zur Scheibenebene, wo sie sich zunehmend anreichern. Dadurch beschleunigt sich wiederum das Wachstum der Staubteilchen, weil sie sich immer häufiger begegnen und aneinander haften bleiben. Es bilden sich die ersten Planetesimale mit Durchmessern von bis zu einigen Kilometern.

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Planetenentstehung Quelle: http://www.mhhe.com/physsci/astronomy/arny/indexnew.mhtml

In Abhängigkeit von der Temperatur der Scheibe, die von innen nach aussen abnimmt, kondensieren im inneren, heissen Bereich bis 0,5 AE vorwiegend metallische Teilchen, ab 1 AE Abstand überwiegen dann die Silikate. Bei 3 AE wird schließlich die sogenannte „Schneegrenze“ erreicht, wo dann auch Eisteilchen auftreten 1 Astronomische Einheit (AE) entspricht der Entfernung der Erde zur Sonne (150 Millionen km). Die Planetesimale sind bald gross genug um weitere Materie anzusammeln. Die Grösseren wachsen zu Protoplaneten heran, die Kleineren stossen aufeinander und zerfallen, oder werden von den Protoplaneten weggeschleudert und bilden einen äusseren Ring, den Kuiper-Gürtel. Manche stürzen auch in den zentralen Stern. Da jenseits der „Schneegrenze“ mehr Kondensationsmaterie zur Verfügung steht als weiter innen, entstehen dementsprechend grössere Planetesimale, die wiederum auch mehr Material einsammeln können. Diese sehr grossen Protoplaneten (bis 10 Erdmassen und mehr) ziehen nun auch grössere Mengen Gas an, wodurch die sogenannten Gasriesen (z.B. Jupiter und Saturn in unserem Sonnensystem) entstehen. Weiter innen bilden sich kleinere Protoplaneten, die Metalle (vorwiegend Eisen und Nickel) und Gestein (Silikate) einsammeln, aber kein Gas das hier wegen der zu hohen Temperaturen nicht auskondensiert. Die noch vorhandenen kleineren Planetesimale bombardieren die felsigen Protoplaneten, die so heiss werden, dass sie aufschmelzen und eine innere Differenzierung stattfinden kann. Eisen und Nickel sinken zur Mitte und bilden den Kern, die leichteren Silikate den Mantel und die Kruste (erdähnliche Planeten). Ein Teil der dann immer noch übrig gebliebenen Planetesimale bilden einen oder auch mehrere Asteroidengürtel.

Die meisten Exoplaneten wurden bisher auf indirektem Wege gefunden, davon der ganz überwiegende Teil mit der Doppler-Methode: In einem Planetensystem zieht nicht nur der Stern den ihn umlaufenden Planeten an, sondern auch der Planet übt umgekehrt eine Kraft aus. Diese Anziehungskraft zwingt den Stern auf eine kreisförmige oder elliptische Bahn um den gemeinsamen Schwerpunkt, welche wiederum im Kleinen die Umlaufbahn des Planeten widerspiegelt. Da der Stern viel schwerer ist als der Planet, liegt der gemeinsame Schwerpunkt immer innerhalb des Sterns. Die Schwierigkeit liegt nun darin, aus einer so grossen Entfernung die außerordentlich geringe Bewegung des Sterns zu messen. Eine Möglichkeit ist die spektroskopische Untersuchung des Sternenlichtes unter Zuhilfenahme des Doppler-Effekts. Wenn sich der Stern auf seiner kleinen Bahn einmal in Richtung Erde und dann wieder von ihr weg bewegt, werden die von ihm ausgesandten Lichtwellen abwechselnd etwas zusammen oder auseinander gezogen. Dabei werden die Lichtwellen erst zum blauen (kurzwelligen) und dann zum roten (langwelligen) Ende des Spektrums hin verschoben. Aus dieser periodischen Dopplerverschiebung des Lichts können die Astronomen die Bahn des Sterns ermitteln und daraus mit den Newtonschen Gesetzen die Masse, Umlaufzeit, den Abstand des Planeten von seinem Stern und sogar die Form der Umlaufbahn (kreisförmig oder elliptisch) bestimmen.

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Mit der Doppler-Methode wurden bisher die meisten Exoplaneten gefunden. Quelle: ESO

Die ermittelte Masse des Exoplaneten stimmt aber nur, wenn die Beobachtung des fremden Planetensystems genau von der Seite geschieht. Ist die Bahn des Explaneten jedoch gegen die Beobachtungsrichtung geneigt, so wird seine Masse unterschätzt, weil die Geschwindigkeit der Hin- und Herbewegung von der Erde aus betrachtet geringer erscheint als sie ist. Die gemessene Doppler-Verschiebung täuscht einen zu leichten Planeten vor. Der Neigungswinkel der Bahnebene des fremden Planetensystems lässt sich nur ermitteln, wenn außerdem noch eine Staubscheibe oder aber ein Vorübergang des Planeten vor dem Stern (Planetentransit) beobachtbar ist. Der Planetentransit führt zu einer winzigen Helligkeitsabnahme des Sterns und ist deshalb eine eigenständige Methode zur Entdeckung von Exoplaneten.

 Jens Christian Heuer

Kurznotizen: Lantagswahl Hessen 2009

In Jens Christian Heuer, Kurznotizen, Politik on 19. Januar 2009 at 17:29

Lantagswahlen in Hessen 2009 I

In Hessen wurde am Sonntag, den 18. Januar 2009 einneuer Landtag gewählt. Das vorläufige amtliche Endergebnis:

Art der Angabe Landesstimmen
2009 2008 Veränderung zu 2008
Anzahl % Anzahl % Anzahl %-Pkte.
Wahlberechtigte 4 375 269 - 4 370 463 - 4 806 -
Wähler 2 670 412 - 2 811 073 - -140 661 -
Wahlbeteiligung - 61,0 - 64,3 - -3,3
Ungültige Stimmen 78 555 2,9 68 114 2,4 10 441 0,5
Gültige Stimmen 2 591 857 97,1 2 742 959 97,6 -151 102 -0,5
davon entfielen auf
CDU 963 800 37,2 1 009 775 36,8 -45 975 0,4
SPD 614 653 23,7 1 006 264 36,7 -391 611 -13,0
FDP 420 383 16,2 258 550 9,4 161 833 6,8
GRÜNE 356 007 13,7 206 610 7,5 149 397 6,2
DIE LINKE 139 080 5,4 140 769 5,1 -1 689 0,3
REP 15 697 0,6 27 724 1,0 -12 027 -0,4
FREIE WÄHLER 42 139 1,6 24 327 0,9 17 812 0,7
NPD 22 184 0,9 24 004 0,9 -1 820 0,0
PIRATEN 13 784 0,5 6 962 0,3 6 822 0,2
BüSo 4 130 0,2 1 118 0,0 3 012 0,2
Die Tierschutzpartei - - 15 909 0,6 - -
PSG - - 1 035 0,0 - -
Volksabstimmung - - 3 130 0,1 - -
GRAUE - - 4 810 0,2 - -
Die Violetten - - 2 380 0,1 - -
FAMILIE - - 7 817 0,3 - -
UB - - 1 775 0,1 - -

Die Abgeordnetenmandate verteilen sich wie folgt:

Partei Anzahl der Sitze im Hessischen Landtag 2009
insgesamt davon Gewinn/Verlust zu 2008
in den
Wahl-
kreisen
aus der
Landes-
Liste
insge-
samt
davon
in den
Wahl-
kreisen
aus der
Landes-
liste
CDU 46  46 0 4 18 -14
SPD 29  9 20 -13 -18 5
FDP 20  0 20 9 0 9
GRÜNE 17  0 17 8 0 8
DIE LINKE 0 6 0 0 0
Summe 118 * 55 63 8 0 8

Quelle: http://www.statistik-hessen.de/S12.htm

FDP und GRÜNE waren die grossen Wahlsieger, während die SPD ein Desaster erlebte. Ursache war sicherlich das gebrochene, mehrfach bekräftigte Wahlversprechen Im Vorfeld der Landtagswahl 2008, bei einer möglichen Regierungsbildung nicht mit der Linkspartei zusammenzuarbeiten.  Die CDU unter Roland Koch kann zwar jetzt zusammen mit der FDP eine bürgerliche Regierung bilden, doch die absolute Zahl ihrer gewonnenen Wählerstimmen lag noch unter dem niederschmetternden Ergebnis des Vorjahres. landtagswahl08_plakatlinks  Das ist vor allem auf ihren relativ unbeliebten Kandidaten und derzeitigen und ganz sicher auch zukünftigen Ministerpräsidenten Roland Koch zurückzuführen, der in der Vergangenheit leider immer dann, wenn es politisch eng für ihn wurde, nie zögerte, fremdenfeindliche Ressentiments zu  schüren. Ein abschreckendes Beispiel ist das hier gezeigte Wahlplakat der CDU aus dem Wahlkampf 2008. Auch die Bildungspolitik der CDU war und ist umstritten. Dabei ging es um die Alternative dreigliedriges Schulsystem oder Gesamtschule und um den von den Christdemokraten durchgesetzten verkürzten Weg zum Abitur. Die Linkspartei, welche die letzten Umfragen vor der Wahl schon unterhalb der 5% – Hürde sahen, hat doch noch den Wiedereinzug in den Landtag geschafft. Sie konnte aber keine Stimmen hinzugewinnen, sondern verlor sogar leicht, da sie in letzter Zeit mehr mit sich selbst als mit dem Wahlkampf um die wichtigen Themen beschäftigt war.

Lantagswahlen in Hessen 2009 II

Nach ihrem grandiosen Wahlsieg will die FDP die dadurch veränderten Mehrheitsverhältnisse im Bundesrat nutzen, um Änderungen bei dem von der Partei kritisierten Konjunkturpaket durchzusetzen. Der FDP-Landesvorsitzende Jörg-Uwe Hahn deutete an, dass es um weitere Steuersenkungen gehe und wies auf das seiner Ansicht nach bestehende Missverhältnis zwischen der vorgesehenen 2500 Euro Abwrackprämie für alte Autos bei Kauf eines Neuwagens und einer geplanten einmaligen Kinderprämie von lediglich 100 Euro. Ein Blockade des Konjunkturprogramms im Bundesrat werde es aber nicht geben.

Quelle: Reuters

Jens Christian Heuer

Das Konjunkturprogramm der Grossen Koalition

In Jens Christian Heuer, Meinung, Politik on 13. Januar 2009 at 21:26

Die deutsche Bundesregierung der Grossen Koalition aus CDU, SPD und CSU hat ein Konjunkturprogramm gegen die Wirtschaftkrise beschlossen.

Mit einem Umfang von rund 50 Milliarden Euro ist es immerhin das grösste Programm zur Ankurbelung der Wirtschaft in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Das Geld soll in den kommenden zwei Jahren für die folgenden Vorhaben  ausgegeben werden:

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Der Keynesianer Horst Seehofer (CSU) erklärt Bundeskanzlerin Angela Merckel (CDU) und Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier (SPD) wie das Konjunkturprogramm funktioniert. Quelle: http://www.zimbio.com/  (Photo by Andreas Rentz/Getty Images Europe)

 Verbesserung der Infrastruktur: 18 Milliarden Euro werden in den Ausbau und ggf. Sanierung von Schulen, Universitäten, Strassen, Schienen und Breitband-Internetanschlüssen (DSL) investiert. 2/3 der Mittel sind für die Bildungseinrichtungen vorgesehen.

Steuern und Abgaben: Der Eingangssteuersatz wird ab dem 1. Januar 2009 von 15 auf 14 % gesenkt. Der steuerfreie Grundfreibetrag wird sofort von 7664 auf 7834 Euro angehoben und dann noch einmal im Jahre 2010 auf  8004 Euro. Zeitgleich werden die Steuertarife zunächst um 400 Euro und später dann um 330 Euro „nach oben“ verschoben, um die „kalte Steuerprogression“  (Bei einer Einkommensverbesserung, die lediglich der Preissteigerungsrate entspricht muss der Steuerpflichtige bei gleichgebliebenem Realeinkommen einen höheren Steuersatz entrichten, so dass sein Einkommen letztendlich geringer wird.  Es handelt sich also de facto um eine verkappte Steuererhöhung!) abzumildern.

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Die blaue Kurve zeigt den Einkommenssteuertarif (Grenzsteuersatz), die grüne Kurve den durchschnittlichen Einkommenssteuersatz. Durch eine Verschiebung des Einkommenssteuertarifs „nach oben“  (Rechtsverschiebung der blauen Kurve) ergeben sich deutliche Steuerentlastungen (höherer Grundfreibetrag und abgemilderte „kalte Progression“). Quelle: Wikipedia

Die Entlastungen belaufen auf  2,9 Milliarden Euro im Jahre 2009 und 6 Milliarden Euro im Jahre 2010.

Der im Rahmen des geplanten Gesundheitsfonds schon eingeführte Einheitsbeitrag zur gesetzlichen Krankenkasse wird ab dem 1. Juli 2009 von 15,5 auf 14,9 % gesenkt. Arbeitgeber und Arbeitnehmer werden davon zu gleichen Teilen profitieren.

Kinder: Das Kindergeld wird einmalig um 100 Euro je Kind aufgestockt. Der Regelsatz für Kinder von Langzeitarbeitslosen (Hartz IV) wird  von 60 auf 70% der Unterstützung für Erwachsene erhöht.

Autokauf: Käufer eines Neuwagens erhalten eine Prämie von 2500 Euro, wenn sie gleichzeitig ein mindestens 9 Jahre altes Auto abmelden (Abwrackprämie). Um zu verhindern, dass vor dem Neuwagenkauf schnell noch ein altes  Auto gekauft wird, um damit an die Prämie zu kommen, gibt es nur das Geld, wenn der alte Wagen mindestens ein Jahr im Besitz des Neuwagenkäufers gewesen ist.

Schutzschirm für gefährdete Unternehmen: Unternehmen, die von ihrer Bank nicht mehr Kredite in ausreichender Höhe bekommen, sollen Bürgschaften von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) erhalten. Dabei werden bis zu 80% des Risikos übernommen, was der Bank des Unternehmens die Kreditvergabe natürlich schmackhaft macht. Insgesamt sollen für solche Bürgschaften 100 Millarden Euro zur Verfügung gestellt werden. Direkte Staatsbeteiligungen an gefährdeten Unternehmen sind allerdings nicht vorgesehen.

Kommentar: Keynesianer wider Willen

Die Bundesregierung hat sich zum Handeln entschlossen und nach langem Zögern ein Konjunkturprogramm aufgelegt, das diesen Namen auch verdient. Das darf man getrost einen Sinneswandel nennen, denn bisher lehnten insbesondere Politiker der CDU und SPD jeden Gedanken an derartige Programme vehement ab. So wurden Vorschläge aus der CSU (wo es schon länger einige Keynesianer gibt!), durch Steuersenkungen die Kaufkraft der Bürger zu erhöhen, von den beiden anderen Koalitionsparteien CDU und SPD (beinahe) einhellig zurückgewiesen.  Finanzminister Steinbrück (SPD) kritisierte mit offensichtlicher Billigung von Bundeskanzlerin Merckel (CDU) sogar öffentlich die Massnahmen der britischen Regierung gegen die Wirtschaftskrise scharf als reine Geldverschwendung, die lediglich kommende Generationen mit unbezahlbaren Schulden belaste (http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/0,2828,595796,00.html). Das britische Konjunkturpaket hatte seinerzeit übrigens lediglich einen Umfang von 24 Milliarden Euro!

geschaftsklima-12-2008

Der Absturz der deutschen Wirtschaft hat begonnen. Quelle: http://www.cesifo-group.de/portal/page/portal/ifoHome

Doch der rasante Wirtschaftsabschwung und die zunehmend ernster zu nehmenden Warnungen vor einer sehr lang anhaltenden Wirtschaftskrise (wie schon einmal in den dreissiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts) machten innerhalb kürzester Zeit das scheinbar Unmögliche möglich:

Die Keynesianer wider Willen entwickelten ein wohldurchdachtes keynesianisches Konjunkturprogramm!

Die vorgesehenén Investitionen in die Infrastruktur kurbeln einerseits direkt die Wirtschaft, indem sie für neue Einkommen, damit für neue Nachfrage und dadurch wiederum für neue wirtschaftliche Aktivität sorgen. Dieser Effekt pflanzt sich durch die ganze Wirtschaft fort, so dass am Ende mehr Geld verdient wird, als vom Staat ursprünglich investiert wurde (Multiplikatoreffekt nach Keynes). Andererseits sind die Verbesserungen der Infrastruktur aber auch ein Wechsel auf die Zukunft, insbesondere was die Schwerpunktsetzung auf die Bildung angeht. Dadurch werden die Wachstumsmöglichkeiten der Wirtschaft langfristig verbessert und damit auch die Aussichten auf mehr Wohlstand.

Die Steuer- und Abgabesenkungen betreffen vor allem Personen mit niedrigen und mittleren Einkommen, die das zusätzliche Geld wegen vieler unerfüllter Bedürfnisse entweder ganz oder überwiegend ausgeben werden. Dadurch wird die dramatisch zurückgehende gesamtwirtschaftliche Nachfrage gestärkt.

Der einmalige Kinderbonus von 100 Euro ist nichts anderes als eine Steuerrückzahlung (oder ein Konsumscheck) und dürfte vielfach sofort nachfragewirksam werden.

Ganz wichtig ist aber auch der (mögliche) psychologische Effekt des Konjunkturprogramms. Das Programm macht Hoffnung, denn es wird deutlich, dass die Gesellschaft einem wirtschaftlichen Niedergang nicht ausgeliefert ist, sondern aktiv gegensteuern kann, dass Arbeitslosigkeit und Armut kein unvermeidbares Schicksal sein müssen und dass unsere Schulen und sonstigen öffentlichen Einrichtungen nicht zwangsläufig immer weiter verfallen müssen. Ganz wichtig aber auch: Das Konjunkturprogramm bringt vielen Menschen, die schon lange unter der hohen Steuer- und Abgabenlast leiden, endlich wieder etwas mehr Geld in die Taschen, womit sie sicher so bald nicht gerechnet haben.

Ach ja, und was die Schulden angeht; die wird es auf jeden Fall geben:

Entweder nach einen Zusammenbruch der Wirtschaft, weil die Steuereinnahmen weggebrochen sind, wenn zahlreiche auch vorher gutgehende Unternehmen untergegangen sind,  hohe Arbeitslosigkeit und allgemeines Elend herrschen und ein Aufschwung auf sich warten lässt; oder

nach einem keynesianischen Konjunkturprogramm, welches den Absturz verhindert, so dass die wirtschaftliche Basis intakt bleibt. und ein erneuter Aufschwung  relativ schnell möglich ist. Kommt es so, dann reichen auch die Steuereinnahmen, um endlich mit Aussicht auf Erfolg zu versuchen, die aufgelaufenen Staatsschulden langsam wieder abzubauen!

 

Jens Christian Heuer

Quellen: http://www.ftd.de/, http://www.spiegel.de/

Verwandte Beiträge:

Die Allgemeine Theorie des John Maynard Keynes http://keynesianismus.wordpress.com/2008/12/12/die-allgemeine-theorie-des-john-maynard-keynes/

Barack Obama – für einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz http://keynesianismus.wordpress.com/2009/01/03/barack-obama-fur-einen-kapitalismus-mit-menschlichem-antlitz/

Schuldenfrei in die Katastrophe http://keynesianismus.wordpress.com/2009/01/09/schuldenfrei-in-die-katastrophe/

Barack Obama – für einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz

In Jens Christian Heuer, Politik on 3. Januar 2009 at 14:03

Am 5. November 2008 errang der Demokrat Barack Obama bei den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen einen historischen Wahlsieg. Zum ersten Mal wurde in den USA ein Farbiger zum Präsidenten gewählt. Vizepräsident wird der demokratische Senator und erfahrene Aussenpolitiker Joseph Biden. Barack Obama erreichte eine beispiellose Wählermobilisierung: Bei einer Rekordwahlbeteiligung von rund 66% – die höchste seit 100 (!) Jahren, bei der Wahl des legendären US-Präsidenten John F. Kennedy im Jahre 1960 lag sie bei 63% - erhielt er 53% der abgegebenen Stimmen, auf John Mc Cain, den republikanischen Mitbewerber entfielen 46%, den Rest von 1% teilten sich weitere Bewerber, u.a. von der Libertären Partei und den amerikanischen Grünen. 

Die neue Regierung übernimmt ein schweres Erbe: Nicht nur die aktuelle Weltwirtschaftskrise, sondern auch eine sich in den letzten Jahrzehnten immer weiter verschärfenden Spaltung der Gesellschaft in Arme und Reiche, ein marodes Gesundheitssystem, hohe Aussenhandelsdefizite, wachsende Staatsverschuldung und eine zerfallende Infrastruktur, das sind die dringensten innenpolitischen Probleme.Obama und sein Team, die Ende des Monats die Amtsgeschäfte von der Bush-Regierung übernehmen werden, legten schon vor der wahl ein sehr ambitioniertes Wirtschafts- und Sozialprogramm vor, das man auf auf Obamas persönlicher Homepage BarackObama.com(http://www.barackobama.com/) im Einzelnen nachlesen kann. Die wichtigsten Punkte des Programms werden nun kurz besprochen:

Das Programm

1. Starthilfe für die Wirtschaft

Die “windfall profits“ der Ölgesellschaften aufgrund des enormen Ölpreisanstiegs sollen gesondert besteuert werden. Windfall-Profits sind Gewinne, die nicht entsprechende Leistungen belohnen, sondern durch plötzliche, aussergewöhnliche Veränderungen der Marktsituation zustande kommen. Aus den Einnahmen erhalten amerikanische Familien einen Zuschuss in Höhe von 1000 $, um die Belastungen durch steigende Energiekosten abzumildern.

50 Milliarden $ sind zum einen für Infrastrukturinvestitionen auf bundesstaatlicher und lokaler Ebene vorgesehen. Dabei geht es um die Instandhaltung und den Neubau von Straßen, Brücken und Schulgebäuden. Zum anderen werden Ausgaben für Bildung, Gesundheit und für Miet- und Heizkostenzuschüsse gegen Steuerausfälle aufgrund der Wirtschaftskrise abgesichert.

Eine eigens gegründete Reinvestment Infrastructure Bank erhält weitere 60 Milliarden $, um sie insbesondere in den Ausbau des Transport- und Verkehrswesens zu investieren. Allein dadurch sollen 2 Millionen neue Arbeitsplätze und direkt oder indirekt neue Einkommen in Höhe von 35 Milliarden $ entstehen.

2. Steuererleichterungen

Arbeiter und ihre Familien erhalten Steuergutschriften, 500  $ pro Person oder 1000 $ pro Familie. Dasselbe gilt auch für das selbständige Kleingewebe. Insgesamt 150 Milionen Amerikaner werden davon profitieren und für 10 Millionen Amerikaner die Einkommenssteuer sogar ganz wegfallen. Für Rentner mit einem Jahreseinkommen von unter 50000 $ (rund 7 Millionen) wird die Einkommensteuer abgeschafft. Sie haben dann durchschnittlich 1400 $ mehr im Jahr zur Verfügung. Im Gegenzug werden die Steuern für Jahreseinkommen von über 250.000 $ etwas angehoben.

Steuererklärungen sollen  vereinfacht werden, indem die Steuerbehörden Daten von Banken und Arbeitgebern, die sie sowieso schon zur Verfügung haben, nutzen um die Steuerformulare vorab auszufüllen. Die Steuerpflichtigen benötigen dann nur noch 5 Minuten, um die Angaben zu überprüfen, ihre Steuererklärung zu unterschreiben und dann abzuschicken. Sie sparen dadurch viel Zeit und in vielen Fällen auch die Ausgaben für Steuerberatung.

3. Förderung von Unternehmensneugründungen

Für neugegründete Unternehmen und  Kleinunternehmen entfällt die Kapitalertragssteuer. Im ganzen Land, insbesondere aber auch in wirtschaftlich schwachen Regionen soll ein Netzwerk von öffentlichen und privaten Gründerzentren errichtet und mit 250 Millionen $ im Jahr unterstützt werden.

4. Forschung und Technologie

Investitionen in Forschung und neue Technologien sollen steuerlich gefördert werden. Innerhalb eines Zeitraumes von 10 Jahren sollen 150 Milliarden $ in grüne Technologien investiert  und damit z.B. alternative Fahrzeugantriebe (Hybridmotoren), emissionsarme Kohlekraftwerke und erneuerbare Energien gefördert werden. Dadurch könnten bis zu 5 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen.

5. Handelspolitik

Obama will sich für fairen Handel stark machen. Über die Welthandelsorganisation (WTO=World Trade Organisation) sollen Mindeststandards für menschenwürdige  Arbeitsbedingungen und im Umweltschutz durchsetzt werden. Handelshemmnisse und wettbewerbsverzerrende Subventionen sollen entfallen, um so  den amerikanischen Exportunternehmen einen freien Zugang zu ihren Absatzmärkten zu sichern. Insbesondere das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) will Obama um dementsprechende Vereinbarungen ergänzen.

Amerikanischen Unternehmen, die Arbeitsplätze ins Ausland verlagern werden die Steuerabschreibungen, die sie bisher dafür geltend machen können, in Zukunft gestrichen. Unternehmen die hingegen die Anzahl ihrer Vollzeitbeschäftigten im Inland erhöhen, können mit Steuererleichterungen und öffentlichen Aufträgen rechnen. Dasselbe soll auch für Unternehmen gelten, die angemessene Löhne zahlen, ihren Mitarbeitern bei der kranken- und Rentenversicherung helfen und ihren Hauptsitz in den USA belassen.

Durch die Förderung von Weiterbildungs- und Umschulungsmassnahmen soll den Arbeitern geholfen werden, mit dem permanenten Wandel in der Wirtschaft besser zurecht zu kommen und ihren Arbeitsplatz zu behalten oder ggf. einen neuen zu finden.

6. Arbeiter und Gewerkschaften

Die Freiheit der Arbeiter sich in Gewerkschaften zu organisieren soll durch ein Gesetz abgesichert werden, das Behinderungen gewerkschaftlicher Selbstorganisation durch Arbeitgeber untersagt. Auch das Streikrecht wird gesetzlich garantiert. Entlassungen streikender Arbeiter werden unzulässig. Arbeiter sollen für ihre rechte kämpfen dürfen, ohne dafür mit dem Verlust ihres Lebensunterhalts bedroht zu werden. Die Mindestlöhne sollen entsprechend der allgemeinen Preissteigerungsrate erhöht werden. Arbeiter die vollzeitbeschäftigt sind, müssen unbedingt genug verdienen, um grundlegenden persönliche Bedürfnisse zu befriedigen und die Kinder groß zu ziehen.

7. Hilfe für überschuldete Hausbesitzer

Hausbesitzer, die keinen Steuernachlass geltend machen können erhalten einen Hypothekenkredit mit einem festgelegten Zinssatz von 10%. Durchschnittlich sind das 500 $ für jeden der betroffenen Hausbesitzer, die größtenteils unter 50.000 $ im Jahr verdienen. zusätzliche Steuererleichterungen erhalten. Zwangsvollstreckungen bei Hauseigentümern, die ihre Hypotheken nicht oder nur noch zum Teil zahlen können werden ausgesetzt werden.

8. Neue Bankgesetze und Regeln für die Kreditvergabe

Die Bankenaufsicht wird verstärkt. Durch neue Vorschriften wird der Verbraucherschutz bei Kreditkartenverträgen verstärkt. Kreditverträge sollen generell leichter durchschaubar werden. Betrügereien werden härter als bisher bestraft.

9. Soforthilfen für die Auto-Industrie

General Motors, Ford, Chrysler u.a. leiden seit Beginn der Wirtschaftskrise unter einem „Käuferstreik“. Die US-Autoindustrie wird rund 25 Milliarden $ Soforthilfe  erhalten. Der Autokauf auf Kredit soll erleichtert werden.

11. Gesundheitswesen

Für alle Amerikaner wird eine volle öffentliche oder private Krankenversicherung angestrebt. Private Krankenversicherungen müssen in ihrem Leistungs- und Beitragsniveau gewissen gesetzlichen Mindestanforderungen genügen. Amerikaner mit niedrigem Einkommen bekommen Zuschüsse, um ihre Krankenversicherung zu bezahlen. Arbeitgeber sollen sich an den Krankenversicherungskosten ihrer Mitarbeiter beteiligen oder in die neue öffentliche Versicherung mit einzahlen.

Als Sofortmaßnahme wird das von Präsident Bush abgelehnte Gesetz über eine obligatorische Krankenversicherung für alle Kinder in Kraft gesetzt. Weiterhin werden bei denjenigen, die nachweislich wegen hoher medizinischer Behandlungskosten hochverschuldet sind, die Schulden gestrichen.

Kapitalismus mit menschlichem Anlitz

Das Wirtschaftsprogramm von Obama zielt in erster Linie darauf ab, die als Folge der Weltfinanzkrise darniederliegende Wirtschaft durch Belebung der Nachfrage wieder flott zu machen. Dabei richtet sich das Augenmerk auf  die allgemeine Kaufkraft und die Investitionsneigung der Unternehmen. Beides hängt natürlich eng miteinander zusammen! Das Wirtschaftsprogramm ist also ausgesprochen keynesianisch, denn es lehnt sich eng an die Ideen des britischen Ökonomen John Maynard Keynes (1883-1946) an, der die mit seiner Allgemeinen Theorie die Wirtschaftswissenschaften revolutionierte. 

 

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Mit den von Obama geplanten, dringend notwendigen staatlichen Infrastrukturinvestitionen belebt der Staat direkt die darniederliegende Nachfrage. Steuererleichterungen und andere Unterstützungsmassnahmen für Arme sind indirekt nachfragewirksam, indem sie die Kaufkraft breiter Bevölkerungskreise verbessern. Da Bezieher von geringen Einkommen nur eine geringe Sparquote erreichen, geht das ihnen dann zusätzlich zur Verfügung stehende Geld auch tatsächlich ganz überwiegend in den Konsum. Bei den Reichen, deren Konsumwünsche weitestgehend schon erfüllt sind, wird zusätzliches Geld aus Steuererleichterungen dagegen meistens gespart und daher (zumindest vorrübergehend) nicht nachfragewirksam. Das gesparte Geld kann nur über Unternehmen, die bei den Banken Kredite für Investitionen aufnehmen, zu Nachfrage werden, aber genau diese möglichen Investitionen finden wegen der schlechten Absatzchancen durch Wirtschaftskrise ja leider nicht statt. Der Plan, die Steuern für geringe Einkommen zu senken und durch etwas mehr Steuern für höhere Einkommen (teilweise) gegenzufinanzieren macht also durchaus Sinn!

Ein weiteres für Obama wichtiges Anliegen ist der Einsatz für menschenwürdige Arbeitsbedingungen und Umweltschutz weltweit, ein sehr ehrenwertes Ziel! In Verhandlungen der Welthandelsorganisation soll auf allgemeinverbindliche Mindeststandarts gedrungen werden. Freiwillige Übereinkünfte, auch unter öffentlichem Druck, wären auf jeden Fall ein grosser Fortschritt. Problematisch wird es aber dann, wenn es dabei in Wirklichkeit nur um protektionistische Ziele geht. Zumindest ein Programmpunkt Obamas geht leider in diese Richtung. Es ist das Vorhaben, Firmen die Arbeitsplätze im Ausland schaffen (bzw. ins Ausland verlagern) steuerlich zu benachteiligen. Protektionismus, in welcher Form auch immer, dient nicht weltweit besseren Arbeitsbedingungen oder dem Umweltschutz, denn Protektionismus schadet in erster Linie den Ärmsten der Armen, da er ihnen die Chance nimmt ihre (preiswerten) Produkte international auf den Markt zu bringen und durch die Verkaufserlöse mehr Wohlstand zu erreichen. Bei Freihandel zwischen den Nationen sorgt dagegen schon allein  die Unsichtbare Hand des Marktes weltweit für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Umweltschutz. Der Grund ist einfach zu verstehen: Mit wachsendem internationalen Handel steigt die Nachfrage, auch und gerade nach den Waren der ärmeren Länder. Damit werden auch immer mehr Arbeitskräfte gesucht. Ein zunehmender  Wettbewerb der Unternehmen um Arbeitskräfte verbessert aber wiederum tendenziell die Arbeitsbedingungen! Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg eines Landes wächst dort nicht nur das Interesse am Umweltschutz, sondern auch die Möglichkeiten ihn praktisch umzusetzen.

Protektionismus hilft aber auch den Arbeitern in den USA (und anderswo!) nicht wirklich weiter. Der Schutz bestimmter, einheimischer Industriezweige vor billigereren Mitbewerbern im Ausland ist zwar oft sehr populär, weil er den unmittelbar vom Arbeitsplatzverlust bedrohten Arbeitern zunächst erst einmal nützt. Auf der anderen Seite werden aber die Arbeitsplätze in anderen einheimischen Industrien direkt bedroht:, denn wenn ausländischen Anbietern mit preisgünstigen Waren der Marktzutritt erschwert oder gar verwehrt wird, steigen die Preise, und sinken die Realeinkommen. Die allgemeine Kaufkraft nimmt ab, so dass auch so manche Anbieter im Inland auf ihren Waren sitzen bleiben. Und im Ausland wird weniger Geld verdient, um Waren einheimischer Exporteure zu kaufen. Eine bessere Alternative zu protektionistischen Massnahmen ist es daher, Arbeitern, die ihren Job  verlieren, durch Umschulung und Weiterbildung bei der Suche nach neuen Arbeitsplätzen zu helfen und für die Zeit der Arbeitslosigkeit vernünftig sozial abzusichern, wie es Obama ja ebenfalls vorhat.

Obama und seine Demokratische Partei vertreten ein für die Politik in unserer Zeit aussergewöhnlich menschenfreundliches Programm. Das wird  bei den Punkten Arbeiterrechte und Gesundheitswesen besonders deutlich. Hier sind wirklich substanzielle Änderungen geplant. Hervorzuheben ist die Garantie des Rechts, unbehindert von den Arbeitgebern in Betrieben  Gewerkschaftsorganisationen zu gründen (keine Selbstverständlichkeit in den USA!), die Verbesserungen beim Streikrecht und das energische  Eintreten für eine allgemeine medizinische Versorgung.

Fazit: Das Wirtschaftsprogramm Obamas ist ein Programm für einen reformierten Kapitalismus, einen Kapitalismus mit menschlichem Anlitz. Es ist aber auch sehr teuer und nur auf Kosten einer erhöhten Staatsverschuldung realisierbar. Das erscheint gewagt, denn unter dem scheidenden Präsidenten George Walker Bush (unter dem Vorgänger Bill Clinton gab es Haushaltsüberschüsse!) haben die USA schon heute Schulden in astronomischer Höhe angehäuft (vor allem durch teure militärische Abenteuer, die tausenden Unschuldigen das Leben kosteten!). Doch Obama bleibt wohl keine andere Wahl. Liegt die Wirschaft am Boden, gibt es kaum Steuereinnahmen und die Verschuldung wächst sowieso. In einen  Abschwung hineinzusparen und damit die Wirtschaft weiter auszubremsen. wäre fatal, denn das führt zu immer mehr Schulden, da die Steuereinnahmen dann noch mehr wegbrechen. Gelingt es aber, durch staatliche Massnahmen die Wirtschaft wiederzubeleben. dann sprudeln auch die Steuereinnahmen wieder, und dann, aber erst dann, besteht eine wirkliche Chance die gewaltige Staatsverschuldung abzubauen. Darüber hinaus könnte, wenn alles klappt, für viele Menschen in absehbarer Zukunft ein besseres Leben dabei herauskommen, und das wäre das Wichtigste überhaupt!

Jens Christian Heuer

Quellen: BarackObama.com http://www.barackobama.com/issues/economy/#jumpstart, Change.gov http://change.gov/, Ärzte Zeitung.de http://www.aerztezeitung.de/ , FTD http://ftd.de

Mehr über Keynes hier: http://keynesianismus.wordpress.com/2008/12/12/die-allgemeine-theorie-des-john-maynard-keynes/

Weihnachts- und Neujahrsgruss!

In Jens Christian Heuer, Musik und Kunst on 24. Dezember 2008 at 21:59

Tori Amos: „Pretty Good Year“

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern des Keynes Weblog ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Start ins neue Jahr!

Debitismus und Weltwirtschaftskrise

In Jens Christian Heuer, Makroökonomie, Mikroökonomie on 23. Dezember 2008 at 00:17

Der Wirtschaftswissenschaftler und Journalist Dr. Paul C. Martin entwickelte schon vor rund 20 Jahren eine Krisentheorie, die vielleicht dabei helfen kann, die derzeitige Weltfinanz- und Wirtschaftskrise besser zu verstehen.  Ausgangspunkt der Überlegungen Martins - die am ausführlichsten in seinem Buch „Der Kapitalismus – Ein System das funktioniert“ nachzulesen sind - ist die Geld- und Zinstheorie von Gunnar Heinsohn und Otto Steiger, zwei Professoren an der Universität Bremen. Nach der bis heute in den Wirtschaftswissenschaften vorherrschenden Auffassung entstand das Geld in der Naturaltauschwirtschaft aus der marktgängigsten Ware, also der Ware, für die man am leichtesten Tauschpartner fand. Dabei wurde die eigene zum Markt bestimmte Ware  zunächst gegen diese marktgängigste Ware eingetauscht. Danach fand sich meist schnell ein weiterer Tauschpartner, der die eigentlich gewünschte Ware besass und dafür die marktgängigste Ware entgegennahm. Als marktgängigste Waren setzten sich sehr bald die Edelmetalle Gold  und Silber   durch, welche nicht nur sehr begehrt, sondern auch unbegrenzt haltbar, leicht transportabel und gut teilbar waren. Diese Edelmetalle wurden bald zum  allgemeinen Zahlungsmittel, dem Geld. Die Tauschwerte aller Waren wurden durch das Geld untereinander vergleichbar und drückten sich in ihren jeweiligen Geldpreisen aus. Durch Geld wurde das Tauschen auf den Märkten also einfacher.

Zinsen wurden verlangt, wenn Geld verliehen wurde und standen dem Gläubiger als Entschädigung für dessen  vorübergehenden Verzicht auf die Vorteile durch die unmittelbare Verfügung über sein Geld  zu(Liquiditätsprämie). Nach Heinsohn und Steiger wurde Geld aber nicht zur Vereinfachung des Warentausches erfunden, sondern entstand aus Schuldkontrakten. Und das ging  beispielsweise so: In einer Gesellschaft freier Eigentümer, etwa im antiken Griechenland oder in Babylon,  geriet  ein freier Bauer durch eine Missernte in Not. Es fehlte ihm das Saatgetreide für das kommende Jahr, und er bat seinen reichen Nachbarn um Hilfe. Dieser besass, wie allgemein bekannt, sehr wertvolles Land und hatte auch eine dementsprechend gute Ernte eingefahren. Die beiden Bauern schlossen einen Vetrag, den Schuldkontrakt, der aus zwei Dokumenten bestand: Das erste Dokument war in  viele Einzeldokumente unterteilt, die jeweils für den Besitzanspruch auf einen kleinen definierten Anteil des guten Landes vom reichen Bauern standen. Diese  Einzeldokumente konnte  der in Not geratene Bauer nun jederzeit, wann immer es ihm günstig erschien, in Saatgetreide eintauschen, weil ja Ansprüche auf ein zwar kleines, aber ausserordentlich wertvolles Stück Land dahinter standen.

Die Einzeldokumente wurden damit zu Geld, das durch sehr wertvolles Eigentum abgesichert war und deshalb auch von jedermann als Zahlungsmittel akzeptiert wurde. Alle Waren wurden dadurch zu einem definierten Anteil des wertvollen Landes ins Verhältnis gesetzt und wurden so  wertmässig auch untereinander vergleichbar. Von dem Augenblick an, wo das erste  Geld auftauchte, entstanden auch die ersten echten Märkte, wo Waren und Dienstleistungen verkauft und gekauft wurden. In einem zweiten Dokument wurde die pünktliche Rückzahlung des verliehenen Geldes einschliesslich Zinsen vereinbart. Der in Not geratene Bauer musste als Schuldner also eine Mehrleistung erbringen, um neben der Tilgung auch die Zinsen an seinen Gläubiger aufzubringen. Nach Heinsohn und Steiger ist der Zins eine Entschädigung für den vorübergehenden Verlust der Eigentumsprämie des Gläubigers: Dieser konnte während der Laufzeit des Schuldkontraktes, also solange  das von ihm geschaffene Geld im Umlauf war, sein Land zwar weiterhin nutzen, aber er konnte es weder verkaufen noch für weitere Schuldkontrakte einsetzen. War der Schuldner nicht in der Lage die vereinbarte Rückzahlung zu leisten, so haftete er dafür mit seinem Eigentum, das er dann an den Gläubiger verlor.

Aus Schulden konnte also Geld entstehen, weil nicht nur ein Schuldner dafür gerade stand, sondern auch ein Gläubiger mit seinem von der Allgemeinheit als wertvoll angesehenen Eigentum. Oft war es aber nicht der Gläubiger selbst, der das Eigentum zur Gelddeckung bereitstellte, sondern eine angesehene dritte Person, die zugleich als neutrale Person die Einhaltung des Schuldkontraktes garantierte. So heisst es zum Beispiel auf einem altbabylonischen Tontäfelchen:

„Zalilum schuldet Nanna 6 Shekel Silber. Als Sicherheit dienen 5 Äcker Land, die im Eigentum des Kaufmanns Agaya sind, der das Land für die Rückzahlung des Silbers verpfändet. Sobald Zalilum das Silber zurückgibt, wird die Verpfändung des Landes des Agaya aufgehoben. Bis Zalilum das Silber zurückgibt darf Agaya den „miksu“ behalten (miksu = Ertrag von Feldern). Zeugen sind Sindata, Mannum-girrishu und Silii-Eshtar, die zum Beweis ihres Zeugnisses ihre Siegel abrollen. Im VII. Monat des Jahres (unleserlich).“

Zalilum ist also der Schuldner, Nanna der Gläubiger. Agaya sichert den Schuldkontrakt und erhält für den vorübergehenden Verlust der Eigentumsprämie seiner 5 Äcker Land einen Zins (miksu). Er übt damit praktisch die Funktion einer Bank aus.

Ausgehend von der Geld- und Zinstheorie nach Heinsohn und Steiger, entwickelte Paul C. Martin eine vollkommen neue Theorie der Wirtschaft, den Debitismus (debit=Schulden): Darin widerpricht er dem Sayschen Theorem der klassischen Wirtschaftstheorie. Nach dem französichen Ökonomen Jean-Baptiste Say (1767 – 1832) sorgen Angebot und Nachfrage normalerweise auf allen Märkten tendenziell für einen Gleichgewichtspreis bei dem alle Ressourcen optimal eingesetzt werden und deshalb auch letztendlich immer Vollbeschäftigung herrscht. Jede Produktion von Waren und Dienstleistungen, welche von Unternehmen auf den Märkten angeboten wird, entspricht einer gleich großen Summe von Einkommen (Löhne, Gewinne). Diese garantieren automatisch die notwendige gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Das gilt selbst dann, wenn ein Teil des Einkommens gespart wird und daher zunächst als Nachfrage ausfällt. Der Grund: Die gesamtwirtschaftliche Nachfragelücke wird immer durch  Investitionen der  Unternehmen  (Investitionsnachfrage) geschlossen: Wenn viel gespart wird, sinken durch das Überangebot an Geld auf dem Kapitalmarkt die Zinsen für geliehenes Geld. Die Investitionen nehmen dann zu, weil diese sich umso mehr lohnen, je deutlicher die dabei erzielte Rendite über dem Zinssatz liegt. Dieser Zinsmechanismus sorgt nach der klassischen Theorie automatisch dafür, dass immer genug investiert wird, um die Nachfragelücke zu schließen.

Doch in Wirklichkeit, so Martin, erreicht die Wirtschaft niemals ein Gleichgewicht, denn es vergeht Zeit bevor die Kosten, die ja immer zugleich auch Einkommen sind, wieder als Nachfrage in die Unternehmen zurückkommen. Diese Zeit aber kostet  Zinsen, da sich die Unternehmen das Geld zur Deckung der Kosten ausleihen müssen, solange jedenfalls, bis das Geld durch die Nachfrage wieder zurückfliesst. Das Geld um die Zinsen zu bezahlen fehlt jedoch, denn die zusätzliche Nachfrage, die erforderlich wäre, um die Zinsen zu erwirtschaften ist zunächst einfach nicht vorhanden. Nach Martin gibt es nur eine Möglichkeit das fehlende Geld herbeizuschaffen. Irgendjemand, Konsumenten oder andere Unternehmen müssen sich neu verschulden, um als Nachschuldner die alten Schuldner zu „erlösen“. Klappt das nicht, dann sind alle vorangegangenen Schuldner zum Untergang verurteilt. Die Wirtschaft funktioniert also wie ein Kettenbriefsystem! Ein wirtschaftliches Gleichgewicht kann es deshalb niemals geben, ein stabiles Preisniveau ist aber möglich: Jede durch Neuverschuldung ausgelöste Nachfrage  steigert tendenziell zunächst erst einmal die Preise. Es kommt dadurch zu einer mikroskopisch kleinen, auf einzelne Märkte begrenzten Inflation. Diese Mini-Inflation hält jedoch nicht lange an, denn die neuverschuldeten Nachfrager müssen ihre Schulden inklusive Zinsen schliesslich auch bezahlen. Das können sie aber nur, indem sie selber zusätzlich etwas zum Verkauf anbieten, eine Ware, eine Dienstleistung oder einfach nur ihre Arbeitskraft. Dieses Zusatzangebot senkt nun aber die Preise auf den einzelnen Märkten wieder. Eine Mini-Deflation hebt also die vorangegangene Mini-Inflation wieder auf. Das Preisniveau bleibt damit  letztendlich stabil!

Der Schuldendruck erzwingt also ein fortgesetztes Wirtschaftswachstum, um Tilgung und Zinsen zu bezahlen und ist somit für die ungeheure Dynamik marktwirtschaftlicher Systeme verantwortlich. 

Soweit so gut. Problematisch wird es nach Martin aber dann, wenn der Staat die wirtschaftliche Bühne betritt und ebenfalls Schulden macht. Auf den ersten Blick erscheint das zwar eher günstig, da der Staat hilft, das Kettenbriefsystem der ständigen Neuverschuldung aufrecht zu erhalten. Aber der Staat muss im Gegensatz zum Privatschuldner Schulden und anfallende Zinsen nicht unbedingt bezahlen, sondern er kann sie auch einfach stehenlassen und hochbuchen, indem er alte Schulden durch Neuverschuldung bedient.  Bezahlen kann der Staat seine Schulden  nur bei einem ausreichend hohen Wirtschaftswachstum, also über eine Mehrleistung seiner Bürger, die automatisch auch zu Steuermehreinnahmen führt. Alternativ kann der Staat aber auch einfach die Steuern erhöhen. Wollen die Bürger dann trotzdem ihren Lebensstandard halten, so müssen sie mehr leisten. Höhere Steuern hemmen aber auch die Leistungsbereitschaft der Bürger, da von einem Mehrverdienst dann einfach zuwenig übrig bleibt. Höhere Steuern sind also immer sehr unpopulär, so dass der der Staat meistens lieber darauf verzichtet. Die zwangslaüfige Folge: Dem durch Schuldenmachen neugeschaffenem Geld steht kein dementsprechendes Zusatzangebot auf den Märkten gegenüber. Die Preise steigen auf breiter Front, also Inflation!

Während einer Inflation entstehen und wachsen neue Märkte durch die zusätzliche staatliche Nachfrage. Die Unternehmen investieren tüchtig, um dabei zu sein. Wer darauf verzichtet, wird ansonsten zwangsläufig Marktanteile verlieren. Durch die vielen Investitionen wächst die allgemeine Verschuldung. Der Eigenkapitalanteil in den Bilanzen der Unternehmen geht gegenüber dem Fremdkapitalanteil, den Schulden, stetig zurück. Die Unternehmen werden dadurch immer krisenanfälliger. Während einer Inflation steigen die Zinsen immer weiter an und zwingen die Unternehmen zu einem immer größeren Zusatzangebot auf den Märkten. Das erfordert eine immer rationellere Produktion. 

Eine immer weiter wachsende Staatsverschuldung stösst aber dann an ihre Grenzen, wenn die Schulden schneller wachsen als die Wirtschaftsleistung der Steuerzahler, aus der allein die Schulden bedient werden können. Dann droht der Staatsbankrott! Die Kosten der Inflation, die Zinsen, übersteigen deren Erträge in Form einer durch Neuverschuldung ausgelösten Mehrleistung. Das passiert, weil ein zunehmender Anteil der Neuverschuldung nur noch für Zinszahlungen verwendet werden muss  und deshalb  keine zusätzliche Nachfrage mehr auslöst.

Der Staat entschliesst sich nun zu sparen (Haushaltskonsolidierung) und fällt damit mehr und mehr als zusätzlicher Nachschuldner aus. Die Unternehmen bekommen zunehmende Absatzprobleme und müssen die Preise senken, um überhaupt noch Geld (Liquidität) zur Bedienung ihrer Schulden hereinzubekommen. Immer mehr Unternehmen müssen bei den Preissenkungen nachziehen, wollen sie nicht vom Markt verdrängt werden. Ein gegenseitiges Unterbieten beginnt, der Preiskampf läuft auf Hochtouren. Da mit den Preisen aber eben nicht gleichzeitig auch die Schulden zurückgehen wird die Lage der Unternehmen immer prekärer. Viele gehen Pleite und fallen als Nachschuldner aus. Eine deflationäre Abwärtsspirale kommt in Gange und dreht sich immer schneller: Wegen der schlechten Aussichten wird weniger investiert. Die Neuverschuldung sinkt, und das Kettenbriefsystem aus Schuldnern und Nachschuldnern kommt noch mehr ins Stocken. Die Unternehmen sind auch gezwungen Arbeitskräfte zu entlassen. Mit der steigenden Arbeitslosigkeit gehen die Bereitschaft zur Neuverschuldung und damit auch die Nachfrage noch weiter zurück. Die Preise fallen und fallen. Eine Pleitewelle erfasst die gesamte Wirtschaft. Immer mehr Schuldkontrakte können dann nicht mehr erfüllt werden, so dass die Gläubiger in das Eigentum der Schuldner vollstrecken müssen. Die Verwertung der Sicherheiten durch Zwangsversteigerung drückt die Preise der betreffenden  Vermögen. Damit fallen aber die Beleihungswerte ähnlicher Sicherheiten, wodurch noch mehr Schuldkontrakte platzen. Und so weiter und so fort.

Die aktuelle Weltfinanzkrise begann in den USA. Dort hatte die Notenbank unter Alan Greenspan vor einigen Jahren durch niedrige Leitzinsen die Wirtschaft angekurbelt. Das löste wegen einer erhöhten Nachfrage einen Immobilienboom aus. Angelockt durch hohe Wertsteigerungen von Häusern und Grundstücken wurden viele Hypothekenkredite auch von Leuten mit sehr geringem Einkommen aufgenommen.  Wegen ihrer geringen Bonität mussten sie den Hypothekenbanken dafür einen relativ hohen, variablen Zinssatz bezahlen. Als Sicherheit dienten die gekauften Immobilien selbst. Diese zweitklassigen (subprime)Schuldkontrakte der Hypothekenbanken wurden durch von ihnen gegründete Zweckgesellschaften in Wertpapieren zusammengefasst und dann an Hedgefonds (Absicherungsfonds), Investmentbanken gekauft oder andere Anleger verkauft, die alle an den vergleichsweise hohen Zinsen verdienen wollten. Als die Notenbank dann aber wieder den Leitzins erhöhte und das allgemeine Zinsniveau wieder anstieg, konnten sehr viele Schuldkontrakte nicht mehr erfüllt werden und waren damit praktisch wertlos. Aufgrund der nun notwendigen Zwangsversteigerungen stürzten auch die Immobilienpreise ab. Dadurch platzten weitere Schuldkontrakte, da diese ja durch die ursprünglich hochpreisigen Immobilien abgesichert waren. Diese immer weiter laufende Abwärtsspirale entwertete natürlich auch die aus den Schuldkontrakten abgeleiteten Wertpapiere. Die betroffenen Fonds und Banken gerieten daraufhin in große finanzielle Schwierigkeiten. Das löste wiederum allgemeines Mißtrauen aus; der Banken untereinander, aber auch zwischen Banken und Anlegern. Die Banken verliehen seitdem sich und anderen immer weniger Geld. Damit aber unterblieb zunehmend die für die Wirtschaft lebenswichtige Neuverschuldung, und das Unheil nahm seinen Lauf.

Die Debitismus ähnelt in gewisser Weise der Allgemeinen Theorie von John Maynard Keynes. Beide Wirtschaftstheorien kritisieren das Saysche Theorem. Während nach Keynes ein wirtschaftliches Gleichgewicht zwar erreicht wird, aber eben leider in den meisten Fällen nicht bei Auslastung aller Produktionsfaktoren, verneint der Debitismus grundsätzlich schon die Möglichkeit eines wirtschaftlichen Gleichgewichts überhaupt.Die Keynsche Theorie und der Debitismus weisen auch bei der Erklärung von Wirtschaftskrisen einige Gemeinsamkeiten auf, allerdings auch gewichtige Unterschiede. So sieht der Debitismus von Paul C.Martin den Staat nicht wie Keynes als Instrument der bewussten, fortschrittsorientierten Planung einer freien Gesellschaft an und als Garanten einer stabilen wirtschaftlichen Entwicklung, sondern als eigentlichen Verursacher der  Wirtschaftskrisen, welcher die krisenhafte Entwicklung durch sein Schuldenmachen überhaupt erst anstösst.

Jens Christian Heuer

Quellen: 1) Gunnar Heinsohn und Otto Steiger: Eigentum, Zins und Geld von , Metropolis-Verlag 2) Paul C. Martin: Der Kapitalismus. Ein System das funktioniert. 3) Umbruch in ökonomischer Theorie und Wirklichkeit http://www.dasgelbeforum.net/links/umbruch080721.pdf 

Verwandte Beiträge: Die Allgemeine Theorie des John Maynard Keynes http://keynesianismus.wordpress.com/2008/12/12/die-allgemeine-theorie-des-john-maynard-keynes/

 

Die Allgemeine Theorie des John Maynard Keynes (überarbeitet am 25.01.2009)

In Jens Christian Heuer, John Maynard Keynes, Makroökonomie on 12. Dezember 2008 at 22:25

Der britischen Ökonom John Maynard Keynes (1883-1946) entwickelte vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise in den dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts seine Allgemeine Theorie, bis heute ein Meilenstein der  Wirtschaftsgeschichte.

John Maynard Keynes wurde 1883 als Sohn eines bekannten britischen Wirtschaftswissenschaftlers in der englischen Universitätsstadt Cambridge geboren. Er besuchte die renommierte Privatschule in Eton, im Süden Englands, westlich von London und das King´s College in Cambridge. Dort studierte Keynes Mathematik, Geschichte und Philosophie.  Nach seinem Examen, das er als Zweitbester seines Jahrgangs bestand, arbeitete er von 1906-1909 im britischen Schatzamt (Finanzministerium) und danach am King’s College. Hier fand Keynes Anschluss an die Bloomsbury- Gruppe, in der jüngere Politiker, Literaten und Künstler regelmässig zusammentrafen. Die Gruppe, deren bekanntestes Mitglied die Schriftstellerin Virginia Woolf war, pflegte einen freien Lebensstil und praktizierte eine für die Zeit aussergewöhnlich tolerante Sexualität.

Im Jahre 1911 wurde Keynes Herausgeber des Economic Journal, der wichtigsten wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschrift Grossbritanniens.

Während des ersten Weltkriegs beriet Keynes, der  übrigens selbst Kriegsdienstverweigerer war, die britische Regierung  bei der Kriegsfinanzierung. Nach Kriegsende war er ab 1919 Mitglied der britischen Delegation bei den Friedensgesprächen in Versailles. Dort  wandte er sich massiv gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrags (unbezahlbar hohe Reparationsforderungen an Deutschland), die er als babarisch und verhängnisvoll für die Zukunft Deutschlands und seiner Nachbarländer empfand; jedoch vergeblich. Daraufhin verliess Keynes die britische Delegation und schrieb innerhalb kurzer Zeit das weltweit Aufsehen erregende Buch “ The economic consequences of the peace“ (dt. „Die ökonomischen Konsequenzen des Friedensvertrages“). In den folgenden Jahren spekulierte Keynes erfolgreich an der Börse und beteiligte sich auch an der wirtschaftspolitischen Diskussionen in England. So lehnte er beispielsweise die  1925 vom Schatzkanzler (Finanzminister) Winston Churchill durchgesetzte Rückkehr Englands zum Goldstandard ab, da der dabei zustande kommende hohe Wechselkurs des Pfundes (dadurch wurden englische Waren für ausländische Käufer zu teuer) seiner Ansicht nach die internationale Konkurrenzfähigkeit Englands gefährdete. Im Jahre 1925 heirate Keynes die russische Balletttänzerin Lydia Lopokova, die er über die Bloomsbury- Gruppe kennengelernt hatte. Wissenschaftlich befasste er sich mit geldtheoretischen Fragestellungen.

1929 brach die Weltwirtschaftskrise aus. Keynes entfernte sich inzwischen immer mehr von der klassischen Wirtschaftstheorie (klassische Ökonomie), die allein auf die Marktkräfte der Unsictbaren Hand setzte und jegliche staatliche Eingriffe zur Bekämpfung der Krise strikt ablehnte. Das führte ihn schliesslich zu seiner “Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ (General Theory), die 1936 veröffentlicht wurde und mit den traditionellen Vorstellungen der Klassik brach:

Die klassische Ökonomie vor Keynes, die auf Adam Smith (1723 – 1790) und David Ricardo (1772 – 1823) zurückgeht, ging davon aus, dass Angebot und Nachfrage  auf allen Märkten für einen Gleichgewichtspreis sorgen, bei dem alle Ressourcen optimal eingesetzt werden und somit Vollbeschäftigung herrscht. Die Produktion der auf den Märkten angebotenen Waren und Dienstleistungen ist immer mit Kosten verbunden, die aber zugleich auch Einkommen (Löhne, Gewinne, Zinsen) sind. Diese Einkommen werden ausgegeben, so dass immer eine ausreichende gesamtwirtschaftliche Nachfrage besteht (Saysches Theorem, Jean-Baptiste Say (1767 – 1832), französischer Ökonom). Das gilt auch dann, wenn ein Teil des Einkommens gespart wird und damit  als Nachfrage zunächst ausfällt. Eine solche gesamtwirtschaftliche Nachfragelücke wird immer durch Investitionen der Unternehmen zur Erweiterung des Angebots (Investitionsnachfrage) geschlossen. Das liegt am sogenannten Zinsmechanismus: Wenn beispielsweise zuviel gespart wird, sinken durch das Überangebot an Geld auf dem Kapitalmarkt die Zinsen für geliehenes Geld. Das ermuntert zu Investitionen, die sich ja umso mehr lohnen, je deutlicher die dabei erzielte Rendite über dem Zinssatz liegt. Diese Zinsabhängigkeit der Investitionen stellt sicher, daß immer genug investiert wird, um eine Nachfragelücke zu schliessen. Genau an diesem Punkt widerspricht Keynes und weist auf die folgende jederzeit nachvollziehbare Tatsache hin: 

Die Investitionsbereitschaft eines Unternehmens hängt zwar auch von den Zinssätzen ab, aber eben nicht nur. Entscheidend sind vielmehr die mehr oder weniger unsicheren Zukunftserwartungen. Nur wenn das Unternehmen damit rechnen kann, seinen Absatz zu steigern, also mehr von seinen angebotenen Waren oder Dienstleistungen zu verkaufen, lohnt es sich zu investieren, um das eigene Angebot auf dem Markt zu erhöhen. Erscheinen die Zukunftsaussichten eher düster, so wird selbst bei einem Zinssatz von Null (Geld zum Nulltarif!) nicht investiert. Die Wirtschaft steckt in einer  Liquiditätsfalle!

John Maynard Keynes (1883-1946) Quelle: http://einestages.spiegel.de/

Der Zinssatz selbst ist nicht nur vom Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Kapitalmarkt abhängig, sondern ganz entscheidend auch von den Zukunftserwartungen der Sparer.

Denn nach Keynes ist der Zins eine Entschädigung für den Sparer, wenn dieser sich vorübergehend von seinem Geld trennt, um es zu verleihen (Liquiditätsprämie). Der Sparer verzichtet dann für eine gewisse Zeit auf die Vorteile durch die Kassenhaltung seines Geldes:  1) Er kann sich damit, wann immer er will, wichtige und schöne Dinge kaufen (Transaktionskasse). 2) Es gibt ihm (relative) Sicherheit für eine unsichere Zukunft (Vorsichtskasse). 3) Er kann es vorhalten, um es bei einer sich bietenden günstigen Gelegenheit an der Börse einzusetzen (Spekulationskasse).

Der letzte Punkt ist besonders interessant, denn er kann sich schwerwiegend auf das Wirtschaftsgeschehen auswirken: Bei einem Wirtschaftsabschwung senkt die Zentralbank den Leitzins, um den Geschäftsbanken die Vergabe günstigerer Kredite zu ermöglichen, wodurch Investitionen rentabler werden und auch mehr konsumiert wird. Ein Teil des nun zusätzlich im Umlauf befindlichen Geldes wird in festverzinslichen Wertpapieren angelegt. Die Nachfrage auf demWertpapiermarkt nimmt zu und die Kurse steigen dementsprechend. Dadurch passen sich wiederum die Realverzinsungen der Wertpapiere dem von der Zentralbank vorgegebenen sehr niedrigem Zinssatz an. Die Anleger rechnen nun bei derartig niedrigen Zinsen aber häufig wieder mit ansteigenden Zinssätzen und halten Geld vor (Kassenhaltung), um zu kaufen, wenn die Kurse der Wertpapiere durch den erwarteten Zinsanstieg wieder gefallen sind. Denken sehr viele Sparer so, dann setzt sich der gesenkte Leitzins der Zentralbank nicht in vollem Umfang am Markt durch, weil das zusätzliche Geld eben nicht zum Kauf von festverzinslichen Wertpapieren genutzt, sondern in den Spekulationskassen geparkt wird, um auf eine Zinswende zu warten. Die Kreditzinsen gehen also trotz der Leitzinssenkung der Zentralbank nicht im gewünschten Ausmass zurück und damit entfällt auch der erhoffte  Anreiz für zusätzliche Investitionen, so dass der Versuch der Zentralbank die Wirtschaft anzukurbeln misslingt.  Die Wirtschaft steckt in einer Liquiditättsfalle!

Die Investitionsbereitschaft der Unternehmen hängt in erster Linie von den Zukunftserwartungen ab und dann natürlich von den Zinsen. Beide Einflussfaktoren beinhalten grosse Unsicherheiten, und es gibt keinen Automatismus, der für eine hinreichend grosse Investitionstätigkeit sorgt, um die infolge des Sparens entstandene gesamtwirtschaftliche Nachfragelücke zu schliessen. Wird aber zuwenig investiert, so bleiben die Unternehmen auf einem Teil ihrer produzierten Waren und Dienstleistungen sitzen. Die Produktion wird daraufhin heruntergefahren, es gibt weniger Arbeitsplätze, weniger Einkommen und weniger Ersparnisse. Die Zuversicht der Unternehmen schwindet infolge der sinkenden Kaufkraft breiter Schichten der Bevölkerung. Und es wird noch weniger investiert, weitere Arbeitsplätze gehen verloren, die Kaufkraft geht fortgesetzt zurück. So geht es immer weiter bergab (Multiplikatoreffekt). Durch die sinkenden Einkommen wird weniger gespart, bis sich die Summe der gesparten Gelder im Nachhinein der zu geringen Investitionssumme angeglichen hat. Es herrscht nun zwar wieder ein Gleichgewicht zwischen Sparen und Investieren, aber bei (hoher) unfreiwilliger Arbeitslosigkeit!

Nach klassischer Ansicht kann aber Arbeitslosigkeit nur entstehen, wenn zu hohe Löhne verlangt werden, sie ist also immer freiwillig! Dass Unternehmen solange neue Arbeitskräfte einstellen, wie diese den Gewinn mehren und entlassen, wenn sie zu teuer sind, bestritt auch Keynes nicht, wies aber darauf hin, daß allgemein sinkende Löhne auch einen Rückgang der Kaufkraft bedeuten. Die Folge ist eine sinkende gesamtwirtschaftliche Nachfrage und damit auch schlechtere Zukunftsaussichten für die Unternehmen.

Lohnsenkungen können  durchaus einzelnen Unternehmen weiterhelfen, in großem Umfang führen sie jedoch schnurstracks in die Wirtschaftskrise. Es handelt es sich um eine typische Rationalitätenfalle, denn die wirtschaftliche Vernunft des einzelnen Unternehmens widerspricht hier eindeutig der gesamtwirtschaftlichen Vernunft!

Keynes schlug deshalb vor, durch staatliches Handeln private Investitionen zu begünstigen (Steuersenkungen, verbesserte Abschreibungen bei Investitionen, Zuschüsse) und staatliche Investitionsprogramme zur Verbesserung der Infrastruktur aufzulegen. Die damit zusätzlich geschaffenen Einkommen erhöhen dann die Nachfrage, soweit sie nicht gespart werden. Erhöhte Nachfrage ermuntert zu Investitionen, um die Produktion auszuweiten, wodurch neue Einkommen entstehen, die wiederum nachfragewirksam werden usw. Durch einen solchen Multiplikatoreffekt wird die gesamtwirtschaftliche Nachfragelücke letztendlich geschlossen! Sinnvoll sind auch Unterstützungsmassnahmen für Arme. Da diese bei ihrem geringen Einkommen nur eine geringe Sparquote erreichen, geht bei ihnen  zusätzliches Geld (fast) ausschliesslich in den Konsum, wodurch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage steigt. Bei den Reichen, deren Konsumwünsche weitestgehend schon erfüllt sind, wird zusätzliches Geld aus Steuererleichterungen überwiegend gespart und deshalb zunächst nicht nachfragewirksam. Staatliche Einkommensumverteilung zugunsten der Ärmeren dient also nicht nur der sozialen Gerechtigkeit, sondern hat auch wirtschaftspolitisch Einiges für sich!

Diese „Keynes’sche Revolution der Wirtschaftswissenschaften“ stiess weltweit auf grossen Widerhall. Es gab begeisterte Zustimmung, aber auch schroffe Ablehnung. Kurz nach der Veröffentlichung der Allgemeinen Theorie (1937) erlitt Keynes einen Herzinfarkt, von dem er sich nie wieder ganz erholte. Inzwischen ging es mit der Weltwirtschaft langsam wieder bergauf. Dazu hatten auch staatliche Infrastrukturinvestitionen beigetragen, wie z.B. der New Deal des Präsidenten Franklin Delano Roosevelt in den USA. Als dann der 2. Weltkrieg ausbrach, herrschte durch die hohe Waffenproduktion bald wieder Vollbeschäftigung. Keynes beriet, wie schon im 1.Weltkrieg, die britische Regierung in Fragen der Kriegsfinanzierung. Gegen Ende des Krieges leitete er die britische Delegation bei den Verhandlungen über eine neue Weltwirtschafts- und Weltwährungsordnung in Bretton Woods (USA), konnte sich mit seinen Vorstellungen einer Weltzentralbank und einer Art internationaler Währung nicht gegen die Amerikaner durchsetzen, die für einen goldgestützten US-Dollar als Weltleitwährung eintraten. Im Jahre 1946 erlag John Maynard Keynes zuhause in England einem zweiten Herzinfarkt.

Jens Christian Heuer

Die Capitol Hill Babysitting Kooperative als kleinste Geldwirtschaft der Welt

In Jens Christian Heuer, Makroökonomie on 6. Dezember 2008 at 23:15

In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts schlossen sich eine größere Gruppe Mitarbeiter beim amerikanischen Kongreß in Washington (die meisten davon Rechtsanwälte) und ihre Familien (ungefähr 150 Paare mit Kindern) zu einer Babysitting-Kooperative (Capitol Hill Baby Co-Op) zusammen, um Geldausgaben für jugendliche Babysitter einzusparen. Es war eine für alle Seiten vorteilhafte Sache: Ein Paar, das bereits an Kinder gewöhnt ist, wird es nicht als allzu große Belastung empfinden, neben den eigenen auf die Kinder eines anderen Paares einen Abend lang aufzupassen. Dafür bekommt man dann im Gegenzug an einem anderen Abend „kinderfrei“ und kann ausgehen. 

Capitol Hill in Washington, USA Quelle: Wikipedia

Aber es mußte ein System gefunden werden, das dafür sorgte, daß jedes Paar seinen gerechten Anteil bekam und beisteuerte.

Die Capitol Hill Co-Op fand eine sehr interessantere Lösung für dieses Problem. Die Babysitting Kooperative gab eine Art „Papiergeld“ (Coupons) aus, die jeweils einer halben Stunde Babysitting entsprachen. Jedes Paar, das der Babysitting-Kooperative beitrat erhielt 30 Babysitting-Stunden als „Startgeld“. Mit den Coupons wurde das gegenseitige Babysitting untereinander bezahlt, so daß so etwas wie ein sich selbst steuernder Markt enstand. Die Unsichtbare Hand des Babysitting-Marktes sorgte dafür, daß jedes der beteiligten Paare im Durchschnitt so viel Zeit mit dem Babysitting für andere Paare verbrachte, wie es umgekehrt diese Dienstleistung für sich in Anspruch nahm.

Die Babysitting Kooperative verfügte über einen Vorstand, der für seine Tätigkeit 102 Babysitting-Stunden pro Jahr erhielt. Außerdem benötigte man noch vier Personen, die komplett monatlich ausgewechselt wurden, um  alle Anfragen nach Babysittern und die entsprechenden Angebote zu bearbeiten. Pro Vorgang im Monat  gab es dafür 1 Babysitting-Stunde; bei durchschnittlich rund 150 Mitgliedern kamen so in 12 Monaten 1800 Babysitting-Stunden zusammen. Die „Verwaltungskosten“ der Babysitting-Kooperative beliefen sich also auf 1902 Babysitting-Stunden im Jahr. 

Der Jahresmitgliedsbeitrag jedes Paars betrug 14 Babysitting-Stunden und die Jahreseinnahmen damit rund 2100 Babysitting-Stunden. Der Überschuß betrug 198 Babysitting-Stunden und ging dem „Wirtschaftskreislauf“ ganz oder teilweise verloren, wenn keine oder nicht ausreichend viele neue Paare  der Kooperative als Mitglieder beitraten und dann als „Startgeld“ jeweils 30 Babysitting-Stunden ausgehändigt bekamen. Die Anzahl der im Umlauf befindlichen Coupons  wurde allmälich knapp. Die meisten Paare waren demzufolge bemüht, ihre privaten Coupon-Reserven durch Babysitten zu erhöhen, um auch wirklich genug davon zu haben, wenn man sie dringend brauchte. Sie gingen seltener aus und so gab es für alle immer weniger Gelegenheiten babyzusitten und Coupons einzunehmen. Dies machte die Paare noch zögerlicher, außer bei besonderen Anlässen, auszugehen und dafür mit Coupons zu bezahlen. Eine Abwärtsspirale kam in Gang, oder anders gesagt die Capitol Hill Co-Op rutschte in eine “Rezession“.

Karte des Capitol Hill Quelle: http://www.visitingdc.com/

Zunächst versuchte der Vorstand die Mitgliedspaare durch ein „Gesetz“ zu zwingen, mindestens zweimal im Monat auszugehen. Diese Maßnahme erzeugte aber viel Unmut und funktionierte nicht. Es gab nicht nur Rechtsanwälte in der  Babysitting-Kooperative, sondern auch ein paar Wirschaftswissenschaftler, die erkannten, daß ein echtes “Geldmengenproblem“ vorlag. So wurde schließlich doch noch ein Ausweg gefunden. Der Vorstand  verteilte mehr Coupons unter die Mitglieder, und sofort wuchs die Bereitschaft der Paare wieder mehr auszugehen. Die Möglichkeiten zum Babysitten vervielfachten sich und die privaten Couponreserven der Mitgliedspaare stiegen.  Alle wurden „reicher“ und waren erst einmal zufrieden!

Die Geschichte der Capitol Hill Babysitting-Kooperative, die von  Joan und Richard James Sweeny im Journal of Money, Credit and Banking im Jahre 1977 erstmals erzählt wurde, zeigt was passiert, wenn aus irgendeinem Grunde das Konsumentenvertrauen abnimmt, oder die Konsumenten schlichtweg zuwenig Geld zur Verfügung haben. Dann wird weniger ausgegeben und mehr gespart für schlechte Zeiten. Aber dann gibt es auch immer weniger Gelegenheiten überhaupt noch Geld zu verdienen, wodurch sich das Problem weiter verschärft. Und schon ist die Wirtschaftskrise da, wenn nicht energisch gegengesteuert wird und mehr Geld in Umlauf gebracht wird. Dafür ist in einer richtigen Volkswirtschaft in erster Linie die Zentralbank zuständig, aber auch die Politik kann mit Steuererleichterungen, verbesserten Abschreibemöglichkeiten bei privaten Investitionen oder direkten staatlichen Ausgabeprogrammen (Investitionsprogrammen) einen Beitrag leisten.

Vor allem macht die Geschichte der Babysitting-Kooperative aber deutlich, daß Wirtschaftskrisen nicht unbedingt auftreten, weil wir „über unsere Verhältnisse“ gelebt haben oder  weil schlechte Arbeit geleistet wurde. Stattdessen handelt es sich oftmals nur um ein Problem mit dem Geld, wovon einfach zuwenig da ist!

Wie eine Zentralbank da weiterhelfen kann wird deutlich, wenn wir die Babysitting-Kooperative in unserer Vorstellung noch etwas verbessern: Falls Paare so oft hintereinander ausgehen möchten, daß ihre Coupons dafür nicht ausreichen, so wäre es denkbar, daß der Vorstand ihnen erlaubt „Schulden“ zu machen, also einen „Kredit“ aufzunehmen. Um ein Überhandnehmen des „Schuldenmachens“ von vorneherein zu vermeiden, müssten „Zinsen“ genommen werden. Alles würde dann später durch gehäuftes Babysitten zurückbezahlt. Wenn die Mitglieder der Genossenschaft berichten würden, daß es ihnen leicht fiele, einen Babysitter zu finden und schwer, Gelegenheiten zum Babysitten zu bekommen, könnten die „Zinsen“ gesenkt werden, um die Paare zu ermuntern auszugehen. Wenn Babysitter aber knapp wären, könnte man die Zinsen erhöhen, um die Paare anzuhalten, weniger auszugehen.

Die verbesserte Babysitting-Kooperative hätte also ein neues Steuerungsinstrument, um ihre “Wirtschaft“ in einer „Rezession“ durch Zinssenkungen wieder in Gang zu bringen. Ist die Nachfrage und das Angebot beim Babysitten jedoch stark abhängig von der Jahreszeit, so nützt auch eine Erhöhung der umlaufenden „Papiergeldmenge“ (Coupons) nichts mehr:

Während des Winters, wenn es kalt und dunkel ist, wollen dann die meisten Paare kaum ausgehen, sind aber gerne bereit babyzusitten, um sich Couponreserven anzulegen, die sie dann an lauen Sommerabenden nutzen können. Dann werden im Winter, selbst bei einem „Zinssatz“ von Null, zuviel Paare nach Gelegenheiten zum Babysitten suchen anstatt auszugehen. Die Bereitschaft zum Ausgehen wird dadurch immer weiter abnehmen, und eine „Rezession“ ist dann unvermeidlich, trotz Erhöhung der umlaufenden „Papiergeldmenge“. Die Babysitting-Kooperative steckt in einer „Liquiditätsfalle“, also einer „Rezession“ bei einem „Zinssatz“ von Null. In einer richtigen Wirtschaft können dann vielleicht staatliche Investionsprogramme helfen.

Die Capitol Hill Babysitting Co-Op hatte übrigens zeitweise noch ein weiteres „wirtschaftliches“ Problem:
Manchmal waren zu viele Coupons im Umlauf. Die Mitgliedspaare wollte dann bei jeder sich bietenden Gelegenheit ausgehen, aber es gab zuwenig Babysitting-Angebote; warum auch, wenn die privaten Couponreserven noch so groß waren. Die Babysitting-Kooperative durchlebte eine „Inflation“. Die umlaufende „Papiergeldmenge“ wurde dann vom Vorstand duch eine verminderte Couponausgabe gesenkt bis sich die Lage wieder beruihgt hatte.

In einer verbesserten Babysitting-Kooperative hätte der Vorstand dann als „Zentralbank“ die Möglichkeit mit einer Erhöhung der „Zinsen“ einzugreifen.

Jens Christian Heuer

Quellen: http://www.slate.com/id/1937/ und http://faculty.wcas.northwestern.edu/~mwitte/B01/handouts/sweeneys.html

Die Entdeckung der Unsichtbaren Hand

In Jens Christian Heuer, Mikroökonomie on 3. Dezember 2008 at 22:30

Im 18. Jahrhundert beschäftigte sich der schottische Moralphilosoph Adam Smith (1723-1790), wie viele seiner Kollegen mit der Frage, wie eine Gesellschaft freier Menschen funktionieren könne. Dieses war eine zentrale Frage der Philosophie der Aufklärung, die ja den freien Menschen anstrebte. Der frühe englische Aufklärungsphilosoph Thomas Hobbes (1588-1679) war von einem Urzustand des Kampfes jeder gegen jeden ausgegangen, der durch einen Gesellschaftsvertrag beendet werden sollte. In diesem Gesellschaftsvertrag übertrugen alle beteiligten Menschen ihr Selbstbestimmungs- und Selbstverteidigungsrecht und damit all ihre Macht auf eine zentrale Institution, den Staat, der fortan für den Schutz voreinander sorgen sollte (Gewaltmonopol des Staates). Dazu sollte der Staat umfangreiche Eingriffsmöglichkeiten in die Persönlichkeitsrechte der Vertragspartner haben. Demgegenüber betonte der schottische Philosoph John Locke (1632-1704), die jedem Menschen mit der Geburt zustehenden persönlichen Freiheitsrechte, die nur ihre Grenze bei den Rechten des Anderen finden sollten. Er befürwortete, ebenso wie Hobbes, die Idee eines Gesellschaftsvertrages, sprach sich aber ausdrücklich für ein Widerstandsrecht des Einzelnen gegen einen ungerechten Staat bzw. dessen Regierung aus. Die Ideen John Lockes beeinflußten die amerikanische Unabhängigkeitserklärung (1776) und auch die französische Revolution (1789). Adam Smith stand in der Tradition dieser und anderer Philosophen der Aufklärung, fügte aber noch einige entscheidende Gedanken hinzu.

Adam Smith (1723-1790) Quelle: Wikipedia 

In seiner „Theorie der ethischen Gefühle“ (1759) grenzte sich Adam Smith von einem extrem egoistischen Menschenbild deutlich ab. Die Menschen waren danach nicht nur von egoistischen Antrieben bestimmt, sondern ebenso von der „Sympathie “ füreinander. Da sich der Mensch grundsätzlich in seinen Mitmenschen hineinversetzen könne, sei er auch in der Lage, an deren Schicksal Anteil zu nehmen, also mitzufühlen. Diese Fähigkeit der „Sympathie“ sorge in erster Linie für den Zusammenhalt einer Gesellschaft und eben nicht nur das Gewaltmonopol eines Staates. Außerdem habe der Mensch durch die „Sympathie“ die Möglichkeit zur Selbstkritik, indem er sein eigenes Verhalten aus der Sicht seiner Mitmenschen betrachte. Einen so gebändigten Eigennutz, hielt Smith als Antriebskraft des Menschen für unverzichtbar, und da kommt erstmals die Unsichtbare Hand ins Spiel! Indem jeder Einzelne, unabhängig voneinander, seinem Selbstinteresse folgt, wirken die sich daraus ergebenden Handlungen in ihrer Gesamtheit, wie von einer Unsichtbaren Hand geführt, zugunsten des allgemeinen Wohls. Dieser Gedanke ist wirklich revolutionär. Die Gesellschaft wird nicht von oben durch einen Staat gelenkt, sondern die freie Gesellschaft lenkt sich selbst! Adam Smith hatte als Erster das Prinzip der Selbstorganisation gefunden.


Die Unsichtbare Hand Quelle: The Atlantic Online

In seinem bekanntesten Werk, dem sich mit der Wirtschaft befassenden “ Wohlstand der Nationen“, zeigt Adam Smith, wie die Unsichtbare Hand im wirklichen Leben funktioniert:

Jeder Mensch hat die Neigung, Dinge mit anderen Menschen zu tauschen. Dies kann dann stattfinden, wenn beide Seiten einen Vorteil darin sehen. Ein Tausch ist also immer freiwillig! Der Tausch ist Ausdruck der „Sympathie“. Der Tausch ermöglicht es den Menschen, die zu ihrer Existenzsicherung notwendigen Tätigkeiten untereinander sinnvoll nach jeweiligen Talenten oder erlernten Fähigkeiten aufzuteilen und die Ergebnisse dieser Tätigkeiten dann hinterher untereinander auszutauschen. Der Tausch ist also die Grundlage einer Arbeitsteilung, die zu wesentlich besseren Ergebnissen führt, als wenn jeder Einzelne oder jede einzelne Gruppe alle zur Selbsterhaltung notwendigen Tätigkeiten selbst durchführen.

Wenn man einen Tauschpartner finden will, muss man sich jeweils in seine Mitmenschen hineinversetzen, um zu erraten, was diese benötigen. Der „Ort“ des Tausches ist der Markt, wo Anbieter und Nachfrager sich begegnen. Jeder Marktteilnehmer nimmt abwechselnd die Rolle des Anbieters und die des Nachfragers ein. Die Tätigkeiten, die auf einem Markt getauscht werden, das sind die Waren. Ein Austausch kommt nur zustande, wenn die jeweils gewünschte Ware dem Tauschenden mehr als die dafür herzugebene Ware wert ist. Adam Smith nannte diesen Wert den Gebrauchswert. Neben dem Gebrauchswert hat jede Ware aber auch noch einen Tauschwert. Dieser ergibt sich für den einzelnen Marktteilnehmer zunächst aus dem persönlichen Arbeitsaufwand, der für die herzugebende Ware notwendig ist und der einem die gewünschte Ware wert ist. Da alle Marktteilnehmer so handeln, tauschen sie die Waren im Durchschnitt zu ihren Arbeitswerten. Je mehr „durchschnittliche Arbeit“ also in einer Ware steckt, um so wertvoller ist diese Ware. Der Arbeitswert einer Ware hängt natürlich nicht nur von der Arbeitszeit zu ihrer Herstellung ab, sondern auch von der Schwere der dafür eingesetzten Arbeit und der für die Arbeit notwendigen Ausbildung. Der sich so auf dem Markt ergebende Tauschwert einer Ware ist ihr Preis.

Das Ausmaß der möglichen Arbeitsteilung ist von der Größe des Marktes für eine bestimmte Ware abhängig. Bei einem kleinen Markt ist eine umfangreiche Arbeitsteilung nicht lohnend, da nur geringe Warenmengen getauscht werden und umgekehrt.

Ein Problem ist das Auffinden eines Tauschpartners, der die gewünschte Ware anbietet und die selbst bereitgestellte Ware nachfragt. Die Lösung ist die Erfindung des Geldes. Dabei handelt es sich immer um die marktgängigste Ware, also die Ware, für die sich am leichtesten Tauschpartner finden lassen. Dabei wird die herzugebende Ware zunächst gegen diese marktgängigste Ware eingetauscht. Dann findet sich meist schnell ein weiterer Tauschpartner, der die eigentlich gewünschte Ware hat und dafür die marktgängigste Ware, das Geld also, gerne annimmt. Als marktgängigste Waren erweisen sich nach einiger Zeit die Edelmetalle Gold und Silber, die sehr begehrt und außerdem auch noch unbegrenzt haltbar, leicht transportabel und gut teilbar sind. Die Tauschwerte aller Waren werden durch das Geld direkt untereinander vergleichbar und drücken sich in ihren jeweiligen Geldpreisen aus.

Die Unsichtbare Hand sorgt dafür, das die Waren die gebraucht werden, auch in ausreichender Menge zu denjenigen gelangen, die sie am meisten wünschen:

Einmal dadurch, das die Anbieter sich auf die Wünsche der Nachfrager einstellen, sich also in sie hineinversetzen (s.o.).

Zum anderen dadurch, das sie auch die angebotene der gewünschten Menge anpassen. Kommt es etwa bei einer Ware zu einem Versorgungsengpass, ist also die Nachfrage größer als das Angebot, so steigt der Preis dieser Ware, da sich die Nachfrager gegenseitig überbieten. Diejenigen, die die Ware am meisten wünschen, bekommen sie auch, weil sie bereit sind den höchsten Preis zu zahlen. Dadurch wird es lohnender, die nun teurere Ware anzubieten. Die Anbieter weiten ihr Angebot aus oder neue Anbieter tauchen am Markt auf. Die Versorgung mit der vorher zu knappen Ware wird besser und ihr Preis fällt, bis sich Angebot und Nachfrage wieder die Waage halten. Besteht bei einer Ware ein Überangebot, so fällt ihr Preis und die Anbieter senken ihr Angebot oder scheiden sogar aus dem Markt aus. Das Überangebot geht zurück, Angebot und Nachfrage gleichen sich einander an, und die frei werdenden Mittel können zur Bereitstellung anderer, wichtigerer Waren genutzt werden.

Angebot, Nachfrage und Marktpreis (Gleichgewichtspreis) Quelle: Wikipedia 

Die Unsichtbare Hand funktioniert allerdings nur bei einer hinreichend gleichmäßigen Geldeinkommensverteilung richtig gut. Sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich allzu groß, so kommen nur die Reicheren in den Besitz der Waren und nicht diejenigen, die sie am meisten wünschen bzw. am dringendsten brauchen. Die Ärmeren können dann schlichtweg nicht mitbieten. Diese Problematik hat Adam Smith im „Wohlstand der Nationen“ nicht direkt behandelt; sie lässt sich aber meines Erachtens aus der Logik seiner Gedankengänge ableiten. Immerhin spricht Adam Smith aber von einem notwendigen Mindesteinkommen, um ein würdiges Leben führen zu können.

Adam Smith setzte sich für den Freihandel und gegen jeglichen Protektionismus ein. Er sah im Freihandel die Grundlage für eine, auch internationale Arbeitsteilung, um so den Wohlstand aller Völker gemeinsam zu heben und den Frieden zu sichern.

Jens Christian Heuer

Quellen:
Untersuchungen über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker
(„Wohlstand der Nationen“) von Adam Smith,
Neuübersetzung von Erich W. Streissler
Wikipedia, Einträge Adam Smith, John Locke und Thomas Hobbes

Agenda

In Allgemeines, Jens Christian Heuer on 1. Dezember 2008 at 20:50

Das Keynes Weblog befasst sich mit wirtschaftlichen und politischen Fragen, auch aber nicht nur vor dem Hintergrund der Theorien des britischen Wirtschaftswissenschaftlers John Maynard Keynes, welche das Ziel eines Kapitalismus mit menschlichem Antlitz vor Augen hatten und gerade heute,  in Anbetracht einer sich allmählich verschärfenden Weltwirtschaftskrise, immer mehr Menschen  wieder bedenkenswert erscheinen.

Der freie Markt ist meines Erachtens eine wunderbare Erfindung, denn er ermöglicht eine gesellschaftliche Zusammenarbeit auf freiwilliger Basis. Kauf und Verkauf geschehen nur im gegenseitigen Einvernehmen zu beiderseitigem Vorteil.

Der Markt fördert als die Zusammenarbeit zwischen den Menschen über alle Grenzen hinweg und wirkt daher friedensstiftend!

Der Markt ermöglicht gleichzeitig eine immer weitergehende Arbeitsteilung und damit auch mehr Wohlstand.

Der Markt funktioniert, denn Angebot und Nachfrage sorgen bei freier Konkurrenz wie eine „Unsichtbare Hand“ dafür, dass genau die „richtigen“ Waren und Dienstleistungen bereitgestellt werden. Das kann der Markt eindeutig viel besser als jede Planungsbürokratie!

Der Markt führt im Ergebnis aber auch  zu oft krassen Unterschieden zwischen Arm und Reich. Reichtum bedeutet nicht nur mehr Wohlstand und mehr Lebenschancen, sondern automatisch auch Macht. Diese Macht setzt aber die Gleichheit der Marktteilnehmerimmer ausser Kraft. Damit herrscht dann wieder das Recht des Stärkeren, aber nicht mehr die freiwillige Übereinkunft unter Freien und Gleichen!

Eine Marktwirtschaft läuft leider auch nicht immer störungsfrei ab. John Maynard Keynes revolutionierte die Wirtschaftswissenschaftlen, indem er erkannte, dass es dafür einen prinzipiellen Grund gibt, die sogenannte Rationalitätenfalle! Damit ist das Auseinanderfallen zwischen dem, was für den Einzelnen vernünftig erscheint (individuelle Rationalität), und dem, was für die Gesellschaft vernünftig ist (kollektive Rationalität) gemeint. Die Voraussetzung für eine Rationalitätenfalle ist dieselbe wie für den freien Markt: Individuen, die frei entscheiden und handeln können, auch ohne ihre Entscheidungen und Handlungsweisen vorher miteinander abzustimmen. Eben diese Abstimmung soll ja der Markt über Angebot und Nachfrage erledigen.

Diese Fehler kann das „Laissez-faire“ des freien Marktes allein nicht beheben. Es bedarf laut Keynes dafür einer übergeordnete Instanz, die einerseits das Recht und damit auch den „Schwächeren“ (Sanfteren) vor dem „Stärkeren“  (Brutaleren) schützt, andererseits aber auch bei Vorliegen einer Rationalitätenfalle eingreift, um den weiter störungsfreien Ablauf des Wirtschaftsgeschehens zu gewährleisten und so dem Wohl Aller zu dienen.

Diese übergeordnete Instanz ist der Staat und darf selbst wiederum nur durch freie Übereinkunft innerhalb der Gesellschaft (Gesellschaftsvertrag)zustande kommen.

Keynes betonte immer wieder, dass bei allen Handlungen des Staates, der individuelle Freiheitsspielraum unbedingt gewahrt werden muss! Der freie Gesellschaft und der freie Markt sollen ja bewahrt und nicht abgeschafft werden!

Ich würde mir wünschen, dass all diese Themen ein grosses Interesse finden und hoffe auf interessante Kommentare und ergänzende Hinweise der Leser. Gastbeiträge sind hochwillkommen, auch und gerade dann, wenn sie mit meinen Ansichten nicht übereinstimmen!

Jens Christian Heuer