Seit gut einem Jahr geht es weltweit eindeutig mit der Wirtschaft bergab. Die Europäische Zentralbank hat nach längerem Zögern innerhalb der letzten Monate (seit Oktober 2008) den Leitzinssatz, zu dem sich die Geschäftsbanken Geld leihen können, in mehreren Schritten deutlich abgesenkt. Das soll den Geschäftsbanken die Möglichkeit geben, durch vermehrte Kreditvergabe zu gleichzeitig günstigeren Zinssätzen mehr Geld in Umlauf zu bringen und so Investitionen und Konsum (und damit die Wirtschaft) anzukurbeln. Der niedrigere Zinsatz setzt sich am Markt durch, weil mit dem zusätzlichen Geld auch vermehrt festverzinsliche Wertpapiere gekauft werden. Wegen der erhöhten Nachfrage steigen die Kurse, wodurch die Realverzinsung der Werpapiere abnimmt. Soweit die Theorie, welche im Allgemeinen in der Praxis auch gut funktioniert.

Talfahrt der Weltwirtschaft Quelle: http://www.cesifo-group.de/portal/page/portal/ifoHome
Doch in der augenblicklichen Wirtschaftskrise läuft es leider ganz anders! Banken und Sparkassen geben die günstigen Zinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) weder an ihre Privatkunden noch an ihre Geschäftskunden weiter:
Die Zinsen für Dispositionskredite (Überziehungskredite) und Ratenkredite an Privatpersonen sind trotz deutlicher Leitzinssenkung durch die EZB seit dem letzten Jahr nicht zurückgegangen, sondern sogar gestiegen. Vor einem Jahr lag der Leitzins noch bei 4%, wurde dann aber Schritt für Schritt bis auf 2% gesenkt.

Die Leitzinssätze der Europäischen Zentralbank (EZB) und der amerikanischen Federal Reserve (FED, amerikanische Zentralbank) im Vergleich. Die FED reagierte wesentlich schneller auf den vor einem Jahr einsetzenden Wirtschaftsabschwung als die EZB. Quelle: http://www.leitzinsen.info/
Der durchschnittliche Zinssatz für Dispositionskredite stieg dagegen im selben Zeitraum von 12,20% auf 12,33% . Einige Banken wie z.B. die Commerzbank mit 14,73% erhöhten ihn sogar noch mehr. Bei Ratenkrediten über 5000 Euro mit 5 Jahren Laufzeit stieg der durchschnittliche Zinssatz von 8,23% auf 8,54%. Die Zinsen für Spareinlagen jedoch, wurden nach den Leitzinssenkungen der EZB dementsprechend angepasst, also abgesenkt. Der Zinsunterschied zwischen Geldverleih an Konsumenten (höherer Zinssatz) und Geldbeschaffung von den Sparern (niedrigerer Zinssatz) ist somit grösser geworden. Durch diese Ausweitung der Zinsspanne versuchen die Banken und Sparkassen, ihre durch Fehlspekulation entstandenen Verluste und Abschreibungen auszugleichen. Ein weiter Grund für die anhaltend hohen Zinsen bei Konsumentenkrediten ist das erhöhte Ausfallrisiko: Wegen der durch die Wirtschaftskrise zunehmenden Arbeitslosigkeit können Schuldner ihre Kredite häufig nicht mehr zurückzahlen. Der trotz Leitzinssenkung der EZB diesmal ausbleibende (normalerweise ja zu erwartende) Rückgang der Zinssätze für Konsumentenkredite verhindert die eigentlich mit der Senkung des Leitzinssatzes beabsichtigte Stärkung der Nachfrage.
Wegen der unsicheren Absatzchancen aufgrund der Wirtschaftskrise zögern natürlich viele Unternehmen zu investieren, trotz niedriger Zinsen! Aus demselben Grund vergeben viele Banken auch nur sehr zurückhaltend Kredite an ihre Geschäftskunden, also an (trotz alledem) noch investitionswillige Unternehmen. Durch diese Kreditklemme geht die Investitionsnachfrage zurück.
Die Leitzinssenkung der EZB bleibt durch die geschilderten Effekte wirkungslos, kann also die europäische Wirtschaft nicht ankurbeln. Eine klassische Liquiditätsfalle, wie Keynes sie beschrieben hat, wo nur noch ein Nachfrageimpuls durch den Staat über eine zusätzliche Neuverschuldung weiterhelfen kann. Die wichtigsten Staaten der Europäischen Union haben inzwischen auch reagiert und Konjunkturprogramme aufgelegt.
Jens Christian Heuer
Quelle: http://www.handelsblatt.com/
Mehr über Keynes hier: Die Allgemeine Theorie des John-Maynard Keynes
Der „Leitzins“ der Zentralbank hat nichts mit der Höhe der Kreditzinsen zu tun. Entgegen dem falschen Eindruck, den viele Lehrbücher der so genannten „modernen Volkswirtschaftslehre“ vermitteln, können Geschäftsbanken immer nur das an Nichtbanken verleihen, was sie vorher an Einlagen von anderen Nichtbanken erhalten haben. Der „Leitzins“ hat lediglich einen gewissen Einfluss auf die Liquiditätsversorgung, bzw. bewirkt eine „Steuerung der schleichenden Inflation an der langen Leine“.
Wird ein allgemeines Zwischentauschmittel mit Wertaufbewahrungsfunktion (Zinsgeld) verwendet, ist die schleichende Inflation als „erste destruktive Umlaufsicherung“ erforderlich, um „mit einiger Sicherheit“ ein Umkippen der ganzen Volkswirtschaft in die Deflation zu vermeiden.
Die „zweite destruktive Umlaufsicherung“ ist die Liquiditätsverzichtsprämie (Anlagezins), die dem Sparer gezahlt werden muss, um sich mittel- bis langfristig von der Liquidität seines (Zins-)Geldes zu trennen. Sie stellt ein leistungsloses Kapitaleinkommen dar, welches die Volkswirtschaft der Bundesrepublik Deutschland zurzeit mit 330 Mrd. € pro Jahr – und mit weiterhin exponentiell steigender Tendenz – belastet.
Die Liquiditätsverzichtsprämie (Urzins) ergibt sich unmittelbar aus der parasitären Wertaufbewahrungs(un)funktion des Geldes und überträgt sich auch auf alle Sachkapitalien (Fabriken, Mietshäuser, etc.), da diese immer nur dann angeschafft werden, wenn sie über ihre reine Wirtschaftlichkeit (incl. Unternehmerlohn) hinaus noch eine zusätzliche Rendite (Eigenkapital-Mindestverzinsung plus Risikozuschlag) einbringen, die mindestens so hoch sein muss, wie das dafür erforderliche Finanzkapital alternativ durch risikofreien Verleih eingebracht hätte. Diese „Rentabilitätshürde des Urzinses“ lässt einen strukturellen Sachkapitalmangel bestehen, der zu kapitalismusbedingter Massenarbeitslosigkeit führt. Die Verzinsung des unverschuldeten Sachkapitals belastet die Volkswirtschaft der Bundesrepublik Deutschland mit weiteren 120 Mrd. € pro Jahr an leistungslosen (arbeitsfreien) Kapitaleinkommen, für die alle 38 Millionen Zinsverlierer bei vermindertem Lohn zusätzlich arbeiten müssen.
Allein an die beiden „reichsten unfreiwilligen Parasiten“ Deutschlands muss jeder deutsche Arbeitnehmer mittlerweile 40 € pro Jahr zahlen, auch wenn niemand bei ALDI einkauft. Nehmen wir die private Bodenrente (100 Mrd. € pro Jahr) noch hinzu, die ebenfalls ein arbeitsfreies Kapitaleinkommen darstellt, muss jeder deutsche Arbeitnehmer durchschnittlich auf einen Nettolohn von 1200 € monatlich verzichten, damit eine kleine Minderheit von dekadenten Zinsprofiteuren um 550 Mrd. € pro Jahr reicher wird, ohne dafür eine Arbeitsleistung zu erbringen.
Das „Wunder“ ist nicht die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise, sondern dass die Weltwirtschaft unter diesen Bedingungen überhaupt solange (halbwegs) funktionieren konnte. Noch viel interessanter ist die Frage, welcher kollektive Wahnsinn die halbwegs zivilisierte Menschheit sogar bis ins 21. Jahrhundert hinein davon abhielt, die Natürliche Wirtschaftsordnung zu verwirklichen, die bereits 1916 von dem Sozialphilosophen Silvio Gesell wissenschaftlich exakt und unwiderlegbar beschrieben wurde. Die Antwort auf diese Alles entscheidende Frage finden Sie unter http://www.deweles.de.
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